Notes, quotes and working process

’Alles hat einen Grund’... Diese verbreitete Formulierung legt bereits den exklamatorischen Charakter des Prinzips nahe, die Identität von Prinzip und Ausruf, den Ausruf der Vernunft par excellence. Alles, das geschieht, hat seinen Grund! Man versteht, daß der verlangte Grund keine Ursache ist. Eine Ursache gehört zur Ordnung dessen, was geschieht, entweder um einen Zustand der Dinge zu verändern oder um das Ding hervorzubringen oder zu zerstören. Das Prinzip aber verlangt, daß alles, was einem Ding geschieht, die Verursachungen eingeschlossen, einen Grund hat. Wenn man das, was einem Ding geschieht, was es entweder erleidet oder macht, Ereignis nennt, dann wird man sagen, daß der zureichende Grund das ist, was als eines seiner Prädikate das Ereignis enthält: der Begriff des Dings. ’Prädikate oder Ereignisse’ sagt Leibniz.

Um auf das Modell des barocken Gewebes zurückzukommen, könnte man sagen, daß die Erkenntnis nicht weniger gefaltet ist als das, was sie erkennt: die Verkettungen von Syllogismen oder Definitionen sind ’ein Gewebe’, sagt Leibniz, ’es gibt aber unendlich viele andere Gewebe, die noch zusammengesetzter sind’, und gefaltet wie die Enthymeme, deren wir uns ständig bedienen. Selbst das reine syllogische Gewebe ist bereits gemäß der Geschwindigkeiten des Denkens gefaltet. Die Ideen sind so sehr in der Seele gefaltet, daß es nicht immer möglich ist, sie zu entwickeln, wie die Dinge in der Natur gefaltet sind.

Aus Gilles Deleuze: Die Falte, Der zureichende Grund

Formen ist Falten, Falten ist Formen.
Forming is folding, folding is forming.
Janina Wellmann: Die Form des Werdens

Newspaper of Experience #1: Christina Amrhein

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Published 9 June 2012