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s c h w e r p u n k t

Anmerkungen eines Jurymitglieds zur Auswahl bei der Tanzplattform 2006 in Stuttgart.

Grenztanz

von Gerald Siegmund

Ein Meer aus leuchtenden Farben strahlt die Zuschauer von der Bühne aus an. Im Hintergrund erstreckt sich ein zartes Violett zur Mitte hin, wo es in ein Feld intensiven Rots übergeht, das wiederum in einem Blau ausläuft. Gelbe und grüne Flecken säumen die Rampe, während schwarze, graue und weiße Zonen die Spielfläche begrenzen. Unzählige Kleidungsstücke bedecken den Bühnenboden. Kleine nach Farben sortierte Häufchen aus Hemden, Hosen, Jacken und T-Shirts bilden eine Art Landschaft aus sanften Hügeln, durch die sich die beiden Tänzerinnen und der Tänzer langsam hindurch bewegen. Wie schaumgebremst wirken ihre Bewegungen, denn jeder Schritt muss hier erkämpft werden, muss sich gegen den unsicheren Grund durchsetzen, der die Körper der Akteure einsinken, ihre Beine einknicken lässt.

Die zwei Tänzerinnen, in einem schwarzen T-Shirt und einer weißen Hose die eine, in einem roten T-Shirt und einer roten Hose die andere, richten sich aneinander auf. Sie berühren sich, rollen in Zeitlupe aneinander ab und schlagen mit ihren Körpern rückwärts über, bevor sie mit Purzelbäumen wieder aufeinander zu rollen. Wenn sie dabei mit ihren Kostümen auf das farblich passende Feld treffen, werden sie von der Bühne regelrecht verschluckt. Vorder- und Hintergrund, Figur und Grund verschmelzen, so dass die Körper, deren Posen Modezeitschriften entnommen zu sein scheinen, nicht mehr auszumachen sind. Blackouts trennen die einzelnen Bilder, die zunächst von ein paar Clubbeats, später dann von gewitterartigem Grollen unterlegt werden, voneinander. Geht das Licht wieder an, haben sich die Konstellationen auf der Bühne und die Farben der Kleidungsstücke verändert.

Szenenwechsel: Die Bühne besteht aus einem Feld aus neun Kuben. Neun Würfel, die aus Holzlatten zusammengezimmert und mit durchsichtiger Plastikfolie bespannt wurden. Durch die schmalen Gänge zwischen den einzelnen Kammern drängen sich die Zuschauer, bleiben stehen und beobachten nach Belieben die Aktionen der einzelnen Tänzer und Tänzerinnen in deren Innerem. Eine Darstellerin telefoniert, ein anderer macht Konzentra- tionsübungen. Ein dritter liegt nackt auf dem Rücken, bevor er eine morgendliche Aufwärmübung beginnt, an deren Ende er angezogen aufrecht steht, als wäre er jetzt zum Ausgehen bereit. Unmerklich fast verändert sich das Licht, während wir zuschauen.

Die Trennwände zwischen innen und außen, die eben noch für unsere Blicke durchlässig waren, werden opak wie die Oberfläche des Körpers, sodass wir uns darin spiegeln können. Unsere Körper erscheinen plötzlich neben den Körpern der Tänzer, gerade so, als befänden auch wir uns innerhalb des Kubus, als würden wir einbezogen in die Aktion, beobachtete Beobachter, die sich prinzipiell nicht von den Akteuren unterscheiden.

Isabelle Schads “California Roll” und Wilhelm Groeners “Paravant privé” sind zwei der 19 Stücke, die zur diesjährigen Tanzplattform im Stuttgarter Theaterhaus eingeladen wurden. Verantwortlich für die Einladungen war ein dreiköpfiges Kuratorenteam, zu dem neben Madeline Ritter, Geschäftsführerin des Tanzplans Deutschland in Berlin, Bettina Milz, freie Kuratorin in Stuttgart, die für das Veranstalterteam dabei war, auch ich, Gerald Siegmund, Professor für Theaterwissenschaft in Bern, gehörte. Da das Theaterhaus über vier unterschiedlich große Spielstätten verfügt, die vom Saal für tausend Zuschauer bis hin zu einer kleinen Bühne für nur hundert Personen reicht, sollte unser Programm unterschiedliche Formate und Facetten der deutschen Tanzszene vereinen. Neben Großproduktionen wie Sasha Waltz’ “Gezeiten” von der Berliner Schaubühne über Meg Stuarts Ko-Produktion mit der Berliner Volksbühne, “Replacement” (siehe Seite 28), bis hin zu Ballettproduktionen von Marguerite Donlon und dem Ballett des Staatstheaters Saarbrücken (siehe Seite 37) und Kevin O`Day mit dem Mannheimer Ballett haben wir zahlreiche kleinere Produktionen eingeladen, die uns symptomatisch für zeitgenössische Fragestellungen und Arbeitsweisen im Bereich Tanz zu sein schienen. Worum geht es bei Stücken wie denen von Isabelle Schad und Wilhelm Groener, die sich oft wegbewegen von dem, was man traditionellerweise unter “Tanz” versteht?

Was diese Stücke zunächst einmal verbindet, ist, dass sie nichts verbindet. Nichts im Sinne eines wiedererkennbaren Stils, einer Tanztechnik oder eines bestimmten Körperbilds, das sich, wie noch im Tanztheater, auf die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochenen Traditionen der Moderne bezöge, um gegen die gesellschaftlichen Zurichtungen des Menschen künstlerisch Einspruch zu erheben. In der Folge geht es diesen Choreographen und Choreographinnen nicht in erster Linie um den subjektiven Ausdruck, der eine Art inneres Refugium der Tänzer voraussetzte, das in der Bewegung zum Sprechen gebracht würde. Dabei stoßen ihre Projekte immer wieder an die Grenzen dessen, was wir traditionell als Tanz bezeichnen würden. Sie öffnen die Grenzen ihrer Gattung hin zu anderen Kunstformen, zum Theater und vor allem zur bildenden Kunst und zur Performance. Sie begeben sich auf das Terrain des Fremden, Anderen, um von einem anderen Ort aus den Blick auf das Eigene zu werfen und es zu befragen.

Künstler wie Günther Wilhelm und Mariola Groener, Stephanie Thiersch, Eszter Salamon und Isabelle Schad lassen sich in ihren Blicken auf den menschlichen Körper von der bildenden Kunst inspirieren. Ihre installativen Arbeiten erlauben andere Blicke auf den Körper und ermöglichen eine veränderte Wahrnehmung seiner Grenzen. Die Frage nach der menschlichen Identität, die damit einhergeht, steht für nahezu alle Künstler im Zentrum ihrer Arbeiten. Ist Identität gebunden an eine wieder erkennbare Form, werfen sie notgedrungen auch die Frage nach der Identität der Kunstform Tanz auf. Welche Konzepte von menschlicher Identität entstehen, wenn sich die Form verändert, sie sich hinüber bewegt auf die Felder benachbarter Künste oder sich gar, wie bei Thomas Lehmen (“Lehmen lernt”), Nik Haffner und Christina Ciupke (“Subtitles”) sowie Jochen Roller und Martin Nachbar (“mnemonic nonstop”), aufzulösen scheint im sozialen Handeln?

Dabei steht Zweierlei auf dem Spiel: zum einen die Geschlossenheit der Form, zum anderen der damit verbundene Sinngehalt. Was die Stücke jenseits einer bestimmten Tanztechnik, die es hier nicht gibt, verbindet, ist ihr Bezug zu den Zuschauern. Die Choreographen wollen nicht mehr abgeschlossene und selbstgenügsame Kunstwerke produzieren, die transzendente Wahrheiten formulieren, sondern sie wollen zusammen mit den Zuschauern aktiv handeln - mit von Stück zu Stück immer wieder anderen Mitteln und Techniken, um so Fragen zu stellen. Identität, so will es scheinen, entsteht überhaupt erst durch Handlung, durch gemeinsames, oft unbemerktes Einüben von Formen, durch Rahmungen und sprachliche Benennungen.

Die Stücke präsentieren daher kein geschlossenes Universum mehr, das sich, wie noch im Ballett und weiten Teilen der amerikanischen Tanzmoderne, allein aus dem Verhältnis einzelner Tanzfiguren zueinander erschließen würde. Viel mehr als die Traditionen der Moderne setzen sie auf die Komplettierung der gezeigten Elemente durch die Zuschauer, die das Gezeigte noch im Moment, in dem es ihnen begegnet, verwenden, im Hier und Jetzt mit ihm umgehen müssen, damit es für sie zu einer wie auch immer gearteten und bewerteten Erfahrung wird.

Die Resultate sind oft genug Zwischenformen, Formen zwischen den etablierten Genres und Gattungen, die Spielräume ausloten, Spielräume des Verhaltens und der Wahrnehmung. Pina Bausch hat Vergleichbares in ihren Arbeiten seit den späten 1970er Jahren geleistet. Unsere heutige Vorstellung vom Körper als Austragungsort von konfliktreichen Gefühlen und Sehnsüchten hat sich im Vergleich zu damals verändert. In einer Gesellschaft, in der die audiovisuellen Medien immer mehr an Bedeutung gewinnen, rückt die Formung des Körpers durch Bilder, die ihn produzieren, und die unsere Wahrnehmung von dem, was er ist und ausdrückt, prägen, immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Wenn Stephanie Thiersch in “Under Green Ground” vor unseren Augen die Bühne, auf der das Stück spielen soll, zu allererst aufbauen lässt, öffnet sie nicht nur die Grenzen der Theatersituation, sondern auch die Grenzen des Körpers, der auf der Bühne tanzt. Der Körper der Tänzerinnen, der, vergleichbar mit den Körpern vieler andere Stücke, Posen, also kulturell geprägte Bilder, einnimmt, wird darin als ein durch Wiederholungen und Rahmungen hergestellter kenntlich. Eszter Salamon lenkt in “Reproduction”, in dem sie Kamasutra-Posen verwendet, unseren Blick auf den Unterschied der Geschlechter. Wann nehmen wir einen Körper als männlich oder weiblich wahr? Liegt es an biologischen Tatsachen oder an kulturellen Zeichensystemen wie der Kleidung, die die
Geschlechteridentität hervorbringen, weil wir sie auf eine bestimmte Art und Weise wahrnehmen?

Martin Nachbar und Jochen Roller untersuchen in ihrer Zusammenarbeit “mnemonic nonstop” die Wege, die beim Gehen durch fünf verschiedene Städte ein bestimmtes choreographisches Muster ergeben. Die Ergebnisse ihres architektonischen wie soziologischen “Mappings” präsentieren sie schließlich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Rahmen einer Ausstellung, die zum Stück gehört. Ähnlich wie in Xavier Le Roys “Mouvements for Lachenmann” weitet sich das Konzept der Choreographie hier auf alltägliche Zusammenhänge aus. Das Gehen durch eine Stadt hat ebenso choreographische und gestische Dimensionen wie die körperliche Bewegung von Musikern beim Spiel ihrer Instrumente. Thomas Lehmen sowie Nik Haffner und Christina Ciupke gehen in ihren Arbeiten der Wechselwirkung von Sprache und Bewegung nach und befragen in diesem Zusammenhang ihre eigene Arbeitsweise. Bewegung wird durch Sprache ausgelöst, beschrieben, gedacht und mit Bedeutung versehen, während die Bewegung andererseits einen Überschuss produziert, der ihre sprachliche Festlegung wieder zu öffnen scheint.

Was diese Zwischenformen, die sich in keine etablierten Formen und Gattungsgrenzen zwängen lassen, erkunden, ist die Identität des tanzenden Körpers. Der Körper drängt zum Bild, weil er ohne Bild kein Körper ist. Er hängt ab von der Sprache, die ihn deutbar und verstehbar macht, ohne dass er sich in ihr jedoch erschöpfen würde. Zwischen Sprache und Bild bleibt diesem Körper heute allein seine Energie als Motor möglicher Veränderung.

27.08.2004

Feuilleton / www.berlinonline.de

Michaela Schlagenwerth

Wut mit Wucht und Witz am Rand

Régine Chopinot, Isabelle Schad und Andréya Oumba beim Tanz im August

Die zweite Woche von Tanz im August ist fast vorbei. Sie stand - nach Michael Clarks Ballett-Kunstwerk "Oh my Goddess" und nach Akram Khans hoch virtuoser Schönheitsfeier "Ma", die das Festival grandios eröffneten - ganz im Zeichen des Experiments. Man hat Erstaunliches gesehen. Knallende Peitschen bei Maren Strack, krachende Stühle bei Régine Chopinot, aber auch geradezu episches Tanztheater von Andréya Oumba.

Man war, ohne es sich recht erklären zu können, fasziniert von "California Roll", der Zusammenarbeit von Isabell Schad, Ben Anderson, Hanna Hedman und Bruno Pecheron, die am Dienstag zu später Stunde im Podewil uraufgeführt wurde. Bei allem scheinbar Beliebigen und Dilettantischen schien das Stück doch einer Struktur zu folgen. Ganz einfach nachzuvollziehen war dies bei auf dem Bühnenboden ausgestreuten, zu ineinander übergehenden Farbinseln komponierten Lumpen. Weniger durchschaubar dagegen verhielt es sich mit den drei Protagonisten, die sich nach und nach ihrer übereinander gezogenen T-Shirts entledigten und dabei jede dieser Farbinseln durchliefen. Isabelle Schad etwa warf sich mit rotem T-Shirt in den roten Klamotten-Haufen, so dass ihr Oberkörper ganz verschwand, während die blaue Hose in Richtung blauer Kleidung zeigte. Hanna Hedman stellte sich derweil in weißer Hose auf der weißen Farbinsel in Positur. Bruno Pecheron kroch unter khakigrünen Lumpen hervor. Das Licht ging an und aus, die drei Tänzer liefen im Dunkeln an eine andere Stelle der Bühne, standen in merkwürdig unterspannten Posen herum, die vermutlich Modemagazinen entnommen wurden. So vergingen fünfzig Minuten, es geschah wenig und immer wieder Ähnliches - aber man schaute gebannt zu.

Auf einem anderen Energiepegel, aber letztlich doch in gleicher Monontonie spielt "W.H.A" (Warning Hazardous Area) von Régine Chopinot, der erfolgreichen Choreografin aus Frankreich. Chopinot ist in Berlin nahezu unbekannt, beim Tanz im August war sie noch nie zu Gast. Weder mit ihren in Kooperation mit Jean Paul-Gaultier entstanden Arbeiten der 80er- und 90er-Jahre, die sie zu einer Art Modequeen der Tanzkunst machten, noch mit ihren nachfolgenden, intimeren Arbeiten. Jetzt ist Chopinot endlich in Berlin und zeigt im Hau 1 ihr neuestes Stück, das man allerdings nicht als Choreografie, sondern eher als dessen Verweigerung bezeichnen muss. "W.H.A.", das ist: Eine Stunde wütend sein, eine Stunde zu laut wummernden Techno-Beats den Körper vibrieren lassen, eine Stunde herum rennen, mit Tischen und Stühlen werfen, eine Stunde pure Geschwindigkeit. Mit neun Tänzern hatte die Choreografin die Arbeit an "W.H.A." begonnen, aber die meisten konnten den hohen Geschwindigkeitsanforderungen der Choreografin nicht genügen. Drei Tänzer sind übrig geblieben (Chopinot, Virginie Garcia und John Bateman), sowie eine Bühne mit zwei großen Hirschskulpturen, einem Berg von Bürotischen und alten Gaultier-Kostümen, die ständig an- und wieder ausgezogen werden. "W.H.A." ist purer Zustand, alles ist möglich. Im Rausch der Geschwindigkeit, des ständigen Wechsels und Anreißens von Neuem bleiben: pure Monotonie, aber auch pure Präsenz.

Andréya Ouamba aus Dakar ist der einzige afrikanische Gast des Festivals. Gemeinsam mit seinen drei Tänzern der Compagnie 1er Temps stimmt er in "Pression" einen elegischen Ton an. "Pression" ist eine Fantasie über die Sehnsüchte und Ängste eines Lebens in Afrika. Die abstrakt gehaltene, reduzierte Bewegungssprache schien sich manchmal ins Nichts zu verlieren und wendete sich dann immer wieder überraschend in Momente großer Poesie. Maren Stracks Western-, Licht- und Comic-Show "6 Feet Deeper" in der St. Johannes-Evangelist-Kirche wiederum wirkte wie ein kleiner, allerdings gelungerner Scherz am Rande.

07.10. 2004 / www.daprice.be

Good Work 1

With two independent festivals, Amperdans and Kunstenfestival 0090, this week Antwerp definitely is the dance capital, if not of belgium ,then at least of the universe.
Amperdans took a more than promising start just a few hours ago with "California Roll - Good Work 1" by Isabelle Schad, Ben Anderson, Hanna Hedman and Bruno Pocheron. Deconstructed images and a superbly efficient scenery made for the perfect environment for this spectator to reconstruct his own and personal experience.
Don’t stop.

Posted by Marc at October 7, 2004 01:09 AM

Published 23 January 2005