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Berlin, 31.08.2012

Vom Wunder des Werdens

In „Experience #1“ vereint Isabelle Schad zur Tanznacht Berlin 26 Menschen aus 11 Ländern zu einem atmenden Organismus

Auf jedem Sitzplatz wartet – ordentlich gefaltet – eine Zeitung. Ihr philosophischer Inhalt zwischen Gedanken über die Vielfältigkeit des Labyrinths von Deleuze, Geschichtlichem zu embryologischen Prozessen und Persönlichem zu praktischer Zellerfahrung ist keine leichte Kost, die bei der langen Tanznacht zum Finale von „Tanz im August“ schnell konsumiert werden könnte. Die Texte müssen warten, bis sie sich entfalten dürfen, denn 26 Tänzer stehen bereits auf der Bühne. Sie lauschen dem Wind, den die Zuschauer in den sommerlich aufgeheizten größten Bühnenraum der Uferstudios wehen lassen. Zwischen dem weißen Boden und dem später hell leuchtenden Deckenquadrat wirken sie im Halbdunkel wie geschützt und gestützt von zwei horizontalen Membranen. Der offene Raum knistert vor Spannung. Und für mehr als eine Stunde werden sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten in eine seltsam fremdgesteuerte Dynamik hineinbegeben und in Zeitlupe zu einem Körper verschmelzen, der sich dehnt, verklumpt, auffächert, seriell reiht, bis alle im Galopp wie lustvolle Springinsfelde wieder auseinander sprengen, ohne sich zu verlieren und hüpfen, wie es Föten in sehr frühem Stadium tun. Mit kinästhetischer Intelligenz stößt der Riesenpulk dabei in künstlerisches Neuland vor. Manche Zuschauer geraten zusehends in hypnotische Zustände, sie sinnen, schlafen oder tauchen fasziniert in zeitloses Sein ein. Wer führt Regie in diesem verwunderlichen Gruppengefüge?

„Experience #1“ basiert auf Bewegungserforschungen des Body-Mind Centering zu embryonaler Entwicklung. Nacherlebt und verkörpert werden dabei die ersten Wochen des Lebens, in denen durch wiederholte Umstülpung und Ent-Faltung dreier Keimblätter sich das Innere nach außen und das Außen nach innen kehrt. So entstehen die Körpersysteme, Gewebe und die Form der Struktur im dreidimensionalen Raum des Organismus. Drei Wochen lang ging Isabelle Schad mit ihrer internationalen Tänzerschar in medias res, um mit somatischer Praxis die Form des Werdens und das Phänomen der Falte ins Bewusstsein zu rücken. Die Choreografin ist erfahren und erfolgreich darin, in gewaltigen Gruppenprozessen tiefen existentiellen Zuständen nachzuspüren. Sie nutzt dabei anatomisches Wissen, Imagination, Klang und ordnet in Scores, die musikalischen Partituren ähneln, choreografische Zufallslandschaften, die sich selbst zu organisieren scheinen – in jedem neuen Zeit-Raum-Körper-Abenteuer wieder anders. Jeder wird in diesem aktuellen Schöpfungsakt zum Mit-Choreografen und befragt zugleich, welche Vergleiche sich auftun zwischen den Formen der Entwicklung und Formen gesellschaftlicher Organisation und Gemeinschaft. Schon in ihrem letzten Stück „Musik (Practicable)“ spielte Isabelle Schad lustvoll mit der Terminologie und dem ordnenden Prinzip musikalischer Sprache, mit der sie aufwuchs. Der großorchestrale Organismus ähnelte bereits dieser atmenden Masse von Leibern, die ihre inneren Resonanzräume schwingen lassen und sich polyphon verschmelzen nach einem intuitiven Takt und so gar nicht streng geordnet wie die Bewegungschöre von Wigman oder Laban.

Die Faszination für die Verkörperung dieser Keimblattdifferenzierung in einem kollektiven Körper konnte Schad mit vielen Verbündeten und Förderern teilen. So mit dem belgischen Musiker Alain Franco, der auch für Rosas arbeitet und die Freiheit des Komponierens hinterfragt. Er sorgte für die Musikauswahl: Bach, Boulez, Bailie, Sciarrino, Debussy, Feldmann, Webern, Schumann wechseln sich in „Zeitfenstern“ mit magischer Stille ab. Fragen klingen dabei an: ob ein kollektiver (Klang- oder Tanz-)Körper auch ein kollektives Gedächtnis hat? Und ob eine Faltung klanglich, räumlich, morphologisch eine Art Zwischenbereich und Raumwechsel repräsentiert, wie der Komponist Mark Andre behauptet, der auf wunderbare Weise in Sasha Waltz‘ choreografischem Konzert „Gefaltet“ Mozart seine „Klangruinen“ und „Klangschatten“ entgegenhält. Isabel Schad überlässt die Gruppe in rauschenden Klangkaskaden oder völliger Lautlosigkeit sich selbst. Die kontinuierlichen, liquiden Bewegungsmuster der Zellverbände – mal kindlich, animalisch, amorph, abstrakt, oft repetitiv – speisen sich aus einem soghaften Rausch der Absichtslosigkeit. So wie das Wachsen und Werden ein selbstorganisierter Vorgang nach einem geheimen Masterplan ist, so darf sich Choreografie, unter dem rechten osmotischen Druck, auch selbst naturhaft gestalten. John Cage, der Jubilar, hätte wahrscheinlich seine Freude daran gehabt, denn er war Experte darin, wenn er bekennt: „Dies gab meinem Leben Richtung – die Erforschung der Nichtabsichtlichkeit.“

Irene Sieben

Published 3 September 2012