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Interview with Laurent Goldring and Isabelle Schad, Next Festival Valenciennes

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MAGAZIN - Arts

a lot of body im Dialog: Isabelle Schad und die getanzte Utopie
von Katharina Schmidt (30.11.2012)


Es ist kalt, verregnet und alles grau in grau – ein klassischer Novembertag. Er passt zur Umgebung. Rote Backsteinhäuser, von denen dieser morbide Charme ausgeht, der seit einigen Jahren als chic gilt. Ich laufe durch ein Gebäude, von dem nur noch die Grundmauer steht. Am anderen Ende eine Tür. Isabelle Schad öffnet mir. Ich trete ein in einen riesigen Raum, im Grunde eine Halle, komplett ausgebaut und modern. Sie teilt sich diesen Raum innerhalb eines Künstler_innenkollektivs, wie sie mir erzählt. Die gemeinsamen Umbauten auf dem Gelände eines ehemaligen Obdachlosenasyls haben vier Jahre gedauert. Isabelle Schad hat sich hier eine optimale Arbeitsatmosphäre schaffen können. Mir wird sehr schnell sehr warm in meinem Pullover. Der Raum ist ordentlich beheizt. Isabelle Schad zieht ihre Kleidung aus und gibt mir über eine Stunde lang Einblicke in ihre aktuelle Produktion „Der Bau“. Sie arbeitet darin mit riesigen Stoffbahnen und ihrem nackten Körper. Jedoch soll sich da nicht ihr Körper, nicht der Körper einer Frau, nicht zwingend der Körper eines Menschen bewegen. Im Gegenteil erfahre ich einen Körper, der seine Grenzen in immer wieder neuen Formationen austestet, der sich schließlich auf den Raum ausweitet. Dieser Körper lässt mich einigermaßen sprachlos zurück. Wir setzen uns auf den Boden. Ich stelle mein Aufnahmegerät an und weiß, diese Künstlerin hat viel zu erzählen.

Vom klassischen Ballett zum sogenannten Body Mind Centering® – ein weiter Weg. Was hat die klassisch trainierte Isabelle Schad im Ballett scheinbar vergebens gesucht, als sie Ende der 90er Jahre das Stadttheater in Chemnitz verließ und sich fortan in die freie Tanzszene stürzte?

In einem gewissermaßen politischen Sinne hatte die Arbeit in einer Ballettkompanie, sprich etwa die Disziplinierung des Körpers, aber auch die Hierarchien in denen man arbeitet, Fragen aufgeworfen. Ich habe nach anderen Wegen gesucht – etwa was die Arbeitsweise, Vermittlungsmöglichkeiten und auch Ästhetiken angeht. Zwischen meinen Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb des klassischen Balletts und dem, wie ich fand, was über die Welt zu sagen war, wie ich diese wahrnehme, wie man in dieser Gesellschaft lebt und mit welchen Schwierigkeiten man auch umzugehen hat, lag eine enorme Diskrepanz. Ich fand im Ballett keinen Weg dafür.

Wie hat sich wiederum der Umgang mit Deinem Körper verändert, seitdem Du das klassische Balletttraining hinter Dir gelassen hast und nun schon seit Jahren in der freien Szene von Berlin tanzt?

Das ist eine komplexe Sache. Du hast im Ballett dieses Modell eines sehr androgynen, durchtrainierten Körpers, der in ein Maß von Größe, Gewicht, Länge der Gliedmaßen und so weiter reinpassen muss. Wenn du dieses Maß nicht erfüllst, dann wird dein Körper passend gemacht, dorthin geformt, dorthin gehungert, dorthin trainiert, bis du eben in die Linie der anderen Tänzerinnen passt. Man hat mir schon sehr früh prophezeit, dass ich in diese Norm nicht hineinpassen werde, dass ich beispielsweise zu klein bin. Dennoch hat es bereits bei den ersten Auditions funktioniert. Als kleinerer, kompakterer Mensch bekommst du dann eben immer die zweite Charakterrolle, das zweite Solo. Das hat für mich auch zunächst gut funktioniert. Dennoch, es war sehr viel Drill dabei – Drill für mich selbst und für meinen Körper. Ich habe mich trotz allem mit viel Enthusiasmus von kleinauf in diese Welt hineinbegeben. Tanzen zur Musik – ich komme aus einer Musikerfamilie – war für mich eine tiefgelagerte Lust, die vom Körper her kam. Im Body Mind Centering® habe ich diese Lust dann wiederentdeckt. Es wird dort ganz anders als im Ballett mit dem Körper gearbeitet – die Funktionen des Körpers und die Ursprünge von Bewegungen werden als Motor eben von Bewegungen erforscht. Von dieser Perspektive aus konnte ich dann wieder einen Bezug zu bestimmten Formen und Mustern des Balletts herstellen. Eben nicht von Außen, über die Imitation der Form, den Spiegel, Drill und Dressur, sondern formend von meinem eigenen Körpersystem ausgehend.

Eine solche Wiedererfahrung innerhalb der eigenen Arbeit aus einer so anderen Perspektive klingt spannend. Im Grunde bist Du auf meine nächste Frage bereits in Ansätzen eingegangen. Dennoch, um es auf den Punkt zu bringen – was hat Dich am Body Mind Centering® so fasziniert oder überzeugt, dass Du dieses zum Zentrum Deiner künstlerischen Praxis als Performerin gemacht hast?

Body Mind Centering® ist für mich eine Art von Demokratie für den Körper. Alle können ohne Hierarchien zu ihrer eigenen Bewegung finden. Die Arbeit am Körper findet man in sich, über eine körperliche Erfahrung. Es geht eben nicht darum das Bein exakt im 90° Winkel zu halten. Je nachdem, ob man mit einem bestimmten Körperorgan, einer Körperflüssigkeit oder z.B. mit den Knochen arbeitet, breitet sich ein eigener ’Mind’, eben Geist im Raum aus. Es entsteht eine ähnliche Bewegungsqualität, dennoch schaut diesselbe Bewegung bei den unterschiedlichen Körpern eben sehr unterschiedlich aus. Darin liegt eine Kraft und eine Schönheit, ein Freiheits-, ein Persönlichkeitsgedanke – man arbeitet gemeinsam für einen Gesamtkörper und trotzdem kann man Subjekt bleiben. Die Subjektivität innerhalb einer Kollektivität – das ist ja im Grunde eine Utopie von Gesellschaft. Das heißt, es geht für mich dabei um Utopien der Gemeinschaftsbildung im Tanz und das finde ich dann wiederum sehr politisch.

Versuchst Du eben diese Utopie auch in deinen Kollektivproduktionen zu leben? Erzähl beispielsweise ein wenig von Deiner aktuellen Produktion „Der Bau“. Wie kann man sich Eure Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Bei „Der Bau“ sind wir drei Personen, die jeweils mit unterschiedlichen Medien arbeiten. Ich eben mit dem Tanz, der Körperarbeit, der Choreografie, Laurent Goldring mit dem Bild der Videokamera, seinen Augen und dann auch mit der Choreografie. Allerdings eben über die Videokamera. Der Dritte ist Peter Böhm. Er beschäftigt sich mit dem Sound, eigentlich der Architektur des Sounds. Es ist ein gemeinsames Projekt, daher wurde das Konzept auch gemeinsam durchdiskutiert. Auch über die Kurzgeschichte („Der Bau“ von Franz Kafka bietet die literarische Inspiration für die Produktion; Anm. K.S.) wurde gemeinsam nachgedacht. Aber wir versuchen auch jeder für sich eigenständig im Medium zu bleiben. Wir bleiben eigentlich sehr stark an der eigenen Spezialisierung und innerhalb dessen entsteht dann die Kollaboration, die Stärke des Gemeinsamen. Natürlich müssen wir das jeweils andere Element auch verstehen, aber ich denke, gerade weil wir versuchen so stark als möglich zu trennen, ist das Gemeinsame auch so stark.

Wo liegt Deine künstlerische Motivation für die Produktion„Der Bau“?

Im Grunde wollten Laurent und ich in erster Linie das fortführen, woran wir seit fünf oder sechs Jahren arbeiten: am Verhältnis zwischen dem Körper und seinem Abbild. Bei „unturtled“, der vierteiligen Stückreihe, die vor der jetzigen Produktion entstand, haben wir an der Idee des Kostüms gearbeitet. Das Kostüm als letzte Schicht des Inneren und erste Schicht des Äußeren zugleich. Dieses Kostüm funktionierte wie ein Übergangsobjekt oder eine doppelte Membran. Vorstellbar wie ein Extraorgan um den Körper herum, mit dem ich das äußere Bild des Körpers transformiere.
Der nächste Schritt war es eben das in den Raum zu erweitern. Also was bedeutet ein Bühnen-Bild. In „Der Bau“ arbeiten wir mit langen Stoffbahnen. Ebenso wie ich den Raum um mich herum mit den Stoffbahnen generiere, vergleichbar mit einem Insekt, das sich in seinen Kokon spinnt, so verändere ich auch das Bild des Raumes, das Bühnen-Bild. Das ist im Grunde meine Hauptmotivation – die Arbeit am Bild und der Vielfalt dessen, was ein Bild aussagen kann.

Ich danke Dir für das Interview, Isabelle.

Über die Autorin: Nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft, Filmwissenschaft und Kulturwissenschaftlichen Medienforschung in Potsdam, Kopenhagen und Weimar kehrt Katharina zurück nach Berlin und widmet sich voll und ganz der Wissenschaft des bewegten Körpers. Seit Oktober 2011 studiert sie Tanzwissenschaft und lässt dabei auch wieder ihren eigenen Körper zu Wort kommen.

Published 3 December 2012