interview

Isabelle Schad im Gespräch mit Gabriele Wittmann

Ein Thema der Recherche für Collective Jumps ist „Freiheit“. Was bedeutet es für dich?

Das Thema begleitet mich schon seit längerer Zeit – insbesondere im Austausch mit anderen. ‚Freiheit‘ ist ja ein übergroßer, fast schon illusorischer Begriff. In der Körperarbeit zeigt sich jedoch immer wieder, dass man tatsächlich an Erfahrungen herankommen kann, die Emp­findungen von völliger Freiheit auslösen. Das passiert einerseits körperlich­ subjektiv, für den einzelnen Menschen. Das passiert aber auch innerhalb einer Gruppe, die sich gemeinsam auf bestimmte Bewegungsprozesse einlässt. Dieses sinnlich­erfahrbare Empfinden ist aber nicht nur ein Innerliches. Die Frage ist vielmehr, wie das Innere sich im Äußeren ausdrückt, also welche Form(en) tatsächlich entstehen, und wie sie sichtbar werden.

Du arbeitest seit vielen Jahren mit deinem Künstlerkollegen Laurent Goldring. Wie macht ihr zusammen innere körperliche Prozesse sichtbar?

Laurent Goldring brachte von Anfang an das Konzept des „Verstärkers“ in unsere Arbeit, der als Übergang zwischen der inneren und der äußeren Welt fungiert. Man braucht eine Art „Prothese“ als erste umhüllende äußere Schicht des Körpers – damit das Ganze wirklich zu einem Bild wird. Im Falle der Soloarbeiten Unturtled war das ein übergroßes Kostüm, bei Der Bau war es die Büh­ne selbst, also der Raum, der durch die Verbindung von Körper und Stoffen geschaffen wurde. Diesmal arbeiten wir mit der Gruppe selbst: mit ihrer Bewegung. Dabei bleiben die Gliedmaßen nackt und geraten dadurch in den Fokus. Sie schimmern gleichmäßig im Licht und werden zu einem neuen Körper, einem Kollektivkörper – oder sogar zu einer Maschine.

Wie sind die Rollen verteilt in dieser Kooperation?

Laurent arbeitet immer mit der Kamera. Sie hilft ihm, das Bild und die Choreographie zu formen. Ich dagegen arbeite immer stark von der Körperpraxis aus. Wir insistieren beide auf unserem Medium, statt zu versuchen, alles zu durchmischen. Dadurch wird es überhaupt erst zu einer ech­ten Zusammenarbeit, wo es nicht mehr darum geht, dass der eine die Ideen des anderen umsetzt. Sondern es geht darum, von beiden Medien aus zu einer Sprache zu finden, die man vielleicht nicht kennt, aber die den Zuschauer ansieht, und dort eigene Erfahrungen oder Bilder auslöst.

Gibt es neue Aspekte in der aktuellen Produktion – im Verhältnis zu deinem bisherigen Werk?

Die Klarheit in der Form ist stärker geworden. Ich arbeite ja seit langem für große Gruppen choreographisch auch mit der Körperpraxis des Body Mind Centering®, und da bin ich immer wieder bei der Problematik der Sichtbarmachung angelangt: Was durch das somatische Körper­ bewusstseins­Training im Inneren noch als starke Empfindung wahrgenommen wurde, ist oft­ mals nur sehr verschwommen im ‘Außen’ angekommen, also in der Bildhaftigkeit. Laurent ist nun zum ersten Mal an einem Gruppenstück beteiligt. Und nun ist zum ersten Mal die Gruppe selbst zum Verstärker geworden. In der Bewegung sind es in jüngster Zeit asiatische Praktiken, die mich beeinflussen.

Welche sind das? Was trainierst Du?

Das Wort ‚Training‘ war für mich lange Zeit tabu. Ich komme ja vom klassischen Ballett­Tanz und habe mich gegen dieses Training später gewehrt und somatische Praktiken wie BMC stu­diert. Das war genau das richtige für mich, um auch die inneren Vorgänge im Körper entdecken und deren Potential für kreatives Handeln herauszufinden. Inzwischen bin ich bei Shiatsu ange­kommen, bei Ki-­Konzepten und dem Aikido. Seit etwa zwei Jahren trainiere ich fast täglich in einem Dojo. Es ist großartig, welche Freiheit man dadurch entdecken kann, dass man sich ganz genau mit einer Form auseinandersetzt. Sozusagen als Weg und nicht nur als Ziel. Dadurch habe ich Freiheit auch ganz stark als ‘an Form gebunden’ erleben können, und diese Auseinanderset­zung mit einer ‘Formschreibung’ hat auch etwas stark Handwerkliches. Je länger ich es praktizie­re, desto mehr verstehe ich Tanz und Choreographie auch als Handwerkskunst.

Und wie trainiert das Ensemble für diese Produktion?

Mein Fokus liegt nicht auf der visuell synchronisierten Bewegung, sondern auf der Generie­rung innerer Bewegung. Beim Aufwärmen arbeite ich mit verschiedenen Ki­-Konzepten; Teil dessen sind zum Beispiel spezifische Meridian­ Dehnungen, die allein oder mit einem Partner ausgeübt werden können. Diese Dehnungen haben wiederum eine spezielle Form, mit der man auch choreographisch oder bildnerisch weiterarbeiten kann.

Du nutzt auch embryologische Wachstumsprozesse aus dem Body Mind Centering®. Haben diese mikroskopisch kleinen Bewegungsimpulse auch mit dem Thema ‚Freiheit‘ zu tun?

Ja. Das erste ‘gleich sein’ der Zellen in der Morulla, also alles vor der Differenzierung der Zellen, bietet ein ungemein großes Potential, sich mit einer Entledigung von Hierarchien zu beschäftigen. In westlichen Industriegesellschaften haben wir so viele Hierarchien in unseren heutigen Körper eingeschrieben, etwa zwischen Armen und Beinen, oder Gesten der Hände und des Gesichtes. In afrikanischen oder asiatischen Kulturen spielen beispielsweise Ellenbogen und Knie eine viel bedeutendere Rolle als bei uns. Das bedeutet also: Wenn alle Körpersysteme zunächst aus ein und derselben Zellsubstanz stammen und prinzipiell erst einmal offen ist, welche Zelle zu welcher Schicht wird ­ Endoderm, Ektoderm oder Mesoderm – und dadurch auch, zu welchem Teil unse­ res Körpers sie wird, dann können wir in unserem heutigen Körper alle Hierarchien aufheben. Und können jedes Körperteil in ein Verhältnis zu jedem anderen Körperteil stellen.

Kannst Du ein Beispiel geben?

Nehmen wir das Element des ‘Einhakens’, das vom Volkstanz kommt und natürlich mit den Armen gemacht wird. Bei uns passiert das in allen möglichen neuen Varianten, mit langen Verkettungen zwischen Händen und Knien, oder Ellbogen und Knien. Wir schauen uns die Beziehungen von Körperteilen untereinander genauso an wie auch die Beziehungen der Personen untereinander, sodass man es eher mit einem ‘zusätzlichen’ Arm oder Bein zu tun hat als mit dem psychologischen Moment des Paares.

Es geht also eher um das „Gleiche“, als um das Unterschiedliche?
In westlichen Industrienationen ist ja das „individuelle“ Verfolgen von Freiheit stets ein wichtiger Aspekt heutiger Demokratien. Wie positionierst Du dich dazu?

Was uns in der choreographischen Arbeit wichtig ist, ist ein Kollektivkörper, der jedes subjekti­ve Wahrnehmen zulässt – mit allen dazugehörigen Entscheidungen. Dieser Kollektivkörper ist nicht synchronisiert, auch wenn es Synchronizität gibt. Das bedeutet: Jeder folgt seinem eige­nen Rhythmus, auch wenn die Bewegungsmuster für alle dieselben sind. Der Rhythmus schafft sozusagen den Inhalt der Form. Und dieser Rhythmus ist nicht für alle gleich. Das ist ganz wichtig, ansonsten würden wir schnell totalitäre Gesellschaftssysteme abbilden.

Bedeutet das, dass jeder Performer etwas anderes tut?

Nein. Es bedeutet eben nicht, dass jeder nur für sich steht. Das wäre dann der Individualismus im Kapitalismus, den beispielsweise Hannah Arendt zu Recht kritisch beschreibt. Wenn das Zuschauerauge von Performer zu Performer wandelt und vergleicht: ‘wer macht was, wie und besser als....’, weil sich das in der Form anbietet, dann wären wir wieder in unserem kapitalis­tischen Wettbewerbssystem. Und an dieser Stelle gibt es bei uns einen Widerstand. Deshalb arbeiten wir zum Beispiel in rechtwinkligen Reihen und nicht in Diagonalen. Denn wir wollen ‘das Ganze’ zeigen, den Kollektivkörper, also auch den Körper als Raum. Und das ist kein indivi­- dualistischer Raum. Er verlangt dennoch außerordentlich viel Aufmerksamkeit auf den eigenen, subjektiven, persönlichen Rhythmus. Denn obwohl wir vieles gemeinsam haben ist doch jeder Mensch anders.

Dich interessiert also der Kollektivkörper als widerständiger. Du hast auch Volkstänze erkundet. Kann Volkstanz widerständig sein?

Durch die Gemeinschaft im Tanz, ja. Und abhängig vom jeweiligen Kontext. Das hat die jüngere Geschichte gezeigt: Der türkische Kettentanz ‚Halay‘ wurde in Istanbul mitten auf dem Taksim Platz getanzt, als Zeichen der friedlichen Demonstration. Auch andere Aktionen wie ‘Standing Man’ oder Aktionen der Occupy Bewegung haben dieses Potential genutzt.

Benutzt Du Erfahrungen aus dem Volkstanz für dein jüngstes Stück?

Ja und nein. Ich habe viele Formen, Schrittmuster und Fassungen recherchiert, zum Beispiel im Rahmen des Tanzfonds­Erbe Projektes Volkstanzen auf K3 in Hamburg. In der jüngsten Produk­tion fließen diese Recherchen mit ein, vor allem was Raumzeichnungen, Prinzipien der Organi­- sation und Verkettung betrifft. Jedoch hat es eine Verdichtung an Material gegeben. Es hat sich so entwickelt, dass man es tatsächlich nicht mehr als ‘volkstänzerisch’ wahrnimmt – sondern ein ganz eigenartiger Kollektivkörper zutage tritt, der schon eher an einen Organismus erinnert.

Bedeutet Bewegung etwas für dich? Etwa: Das Springen und Hüpfen? Oder ist es ein abstraktes Formspiel?

Natürlich bedeutet Bewegung etwas für mich. Das Springen ist in jedem Falle auch als Metapher zu verstehen, als Sprung hin zum Bruch oder Um­Bruch. Die Verfremdung ist hier aber ebenso wichtig wie die ganz kleinen, zellulären Sprünge. Das sprunghafte Abstreifen einer Membran in einer Körperzelle kann man nicht mit einem Grand Jeté vergleichen. Es ist ein ganz kleiner Sprung, und in der Entwicklung des Menschen kommen eher diese kleinen Sprünge und Dif­ferenzierungen vor. Und die zeigen eine Kontinuität: Die Kontinuität einer Bewegung, die eher ‘rund’ läuft und daher keine Akzente kennt. Dieser kleine Sprung ist innerhalb des Runden zu suchen, und das kennen wir in unserer Gesellschaft kaum: diese energetische Entwicklung als Kontinuität, als stille Kraft.

Hat dieser „kleine“ Sprung auch eine politische Dimension?

Nun ja, vielleicht zeigen die kleinen Veränderungen ein Bedürfnis nach Kontinuität: Ein Bedürf­ nis nach Weg. Ja, es wäre bestimmt auch eine gesellschaftliche Alternative, eine Kontinuität mit kleinen Sprüngen hin zu Differenzierung zu finden. Da sich der ‚große Sprung‘ in der Gesell­schaft immer wieder als reaktionär entlarvt hat, suchen Menschen vielleicht heute mehr nach Kontinuität. Und zwar in Formen, die mehr mit unserem Leben zu tun haben. Dabei handelt es sich dann zwar ‘nur’ um Mikro­Gesellschaften, aber immerhin. Mein Aikido­ Lehrer sagt oftmals: nicht springen! Springen ist die letzte Option!

Berlin, im November 2014

Published 11 December 2014