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Auszug aus
Venezia o Castalia? La Biennale fa danzare la città
di Graziano Graziani pubblicato lunedì, 27 giugno 2016 | minima&moralia

… Isabelle Schad und Laurent Goldring sind schließlich auf der Biennale in dem Projekt "choreografische Diptychen" präsent. Eine Einladung, um eine Kreation zu präsentieren, die mit dem eigenen Ensemble (in diesem Fall "Der Bau") realisiert wurde, und um ein Stück (Collective Jump) mit Tänzern des Biennale Formats "College" zu erarbeiten. Mit letzterem, "Collective Jump", endet mein Besuch des Festivals. CJ wurde in dem beeindruckenden Palazzo Grimani beherbergt, der hinter Santa Maria Formosa liegt - eine andere Ecke der Stadt, die dem Auge der Zuschauer geschenkt wurde.
Die Absicht der beiden Künstler ist es, das Thema der Gemeinschaft und des Widerstands zu untersuchen. Es ist vor allem der Anfang des Stückes, der Aufmerksamkeit auf sich zieht; kreiert durch die Fusion von Tanzfiguren in Paaren – und wie ein Schock von obsessiver Schwingung der Kniegelenke – die, durch die verschiedenen Räume verstreut, sich langsam in größeren Gruppen vereinigen.

Der letzte Teil, der im größten Raum beherbergt ist, löst sich in einer wirkungsvollen Vision, in der die Tänzer dem faszinierenden Bild eines „Kollektiven Körpers“, Leben geben. Ein Körper, der all die Energie ansammelt und ausschüttet, die sich durch die vorhergehenden Figuren verdichtet hat. Aber es ist ein unbestimmbar insektenförmiges „Kollektiv“, teilweise unruhig, fast (vielleicht unabsichtlich) die nie gelöste Frage stellend, die hinter jedem Traum der Kollektivität steht: Wie ist der Mensch fähig, sich in einem einzelnen organischen Wesen zu koordinieren? Wenn hingegen seine ungelöste Seele ihn zum Ufer der Individualität und des Egos zurückbringt?

Es ist sicher nicht die Aufgabe dieser Arbeit, das Dilemma zu lösen, aber es lohnt sich, die Namen der Tänzer zu kennen, die es uns auf eine sehr charmante Art präsentiert haben: Silvia Baronio, Erica Kanäle, Nicole Chirici, Justine Copette, Francesca Formisano, Elisa Frasson, Claire Leske, Isabella Piazzolla, Aurora Pica, Michela Rosa, Deva Schubert, Catherine Squillacioti, Marjolaine Uscotti, Claudia Tomasi.

„Und als Körper sind wir aufeinander angewiesen”

Isabelle Schad: Collective Jumps

In ihrem neuesten Projekt, das gleichzeitig in Berliner HAU und Stary Browar in Posen realisiert wird, stellt Isabelle Schad eine Begegnung von Körpern zur Schau. Wie in den letzten Arbeiten fragt die Choreografin nach dem Potenzial des Materials und nach den Beziehungen, die es eingeht.

Für einen Augenblick sieht man nur Hände und Beine, die durch die Luft fließen. Die Haut schimmert in dem sanften Licht. Dann werden auch Gesichter und Oberkörper der Performer_innen sichtbar. Die 16 Menschen auf der Bühne, in dunklen T-Shirts und Kurzhosen, sind jetzt als individuell und voneinander getrennt zu erkennen, doch dann fragmentiert die Choreografie von Schad die Körper und collagiert sie zu immer neuen Bildern. Die Gruppe zieht einen Kreis unmittelbar neben der ersten Reihe des Publikums. Bevor ich imstande bin, mir die Gesichter der Performer_innen genauer anzuschauen, formen sie, Hände verflechtend, zwei gleiche Kreise. Sie drehen sich um die eigene Achse und kreisen gegenseitig um sich herum. Immer schneller. Schritt für Schritt. Sie dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, als würden sie pulsieren. Irgendwann kommen die zwei Kreisfiguren in Kontakt. Ein Rücken stößt gegen den anderen Rücken. Haut berührt Haut. Die Performer_innen bleiben entspannt. Wie ein Zahnrädchen im Uhrwerk erledigen sie geduldig und konzentriert ihre Aufgaben. Danach formieren sich die zwei Gruppen zu einer neuen Figur – einem Tunnel. Ein Paar geht unter einer Kuppel aus Händen hindurch und gleich wird es wiederum zu deren Teil. Alles kreist. Die Zeit auf der Bühne scheint rund zu sein.

In „Collective Jumps“ beobachtet das Publikum Landschaften aus menschlichen Körpern. Der Leib ist hier der Stoff mit dem gearbeitet wird. Eine Szene wird ohne Eile zu einer anderen. Die Bilder schlüpfen aus und verpuppen sich. Ihre Intensität bleibt von Anfang bis Ende gleich. Diese eintönige Dramaturgie leitet sich aus der Logik der Bewegung her, wo keine Stelle betont wird, sogar wenn das Tempo der Ausführung steigt. Die Tanzenden konzentrieren sich einerseits auf die Reise durch den eigenen Körper und folgen dem inneren Timing, andererseits – trainieren sie verschiedene Formen von Gemeinsamkeit. Die Choreografie besteht aus den einfachen Bewegungen, Paar- und Gruppenaktionen, die multipliziert in verschiedensten Konstellationen auftauchen. Sie stammen aus Volkstänzen, Aikido und somatischen Praktiken wie BMC. Das sich ständig verwandelnde Geflecht aus Körperteilen löst zahlreiche Assoziationen aus der Flora und Fauna aus. Die Bilder scheinen jedoch, ein Nebeneffekt von körperlichen Praxis zu sein. Bezogen auf die innere Beweglichkeit und das Imaginäre gestaltet die Choreografin gemeinsam mit ihrem langjährigen Mitarbeiter – dem Künstler Laurent Goldring – das Visuelle auf der Bühne. Im Mittelpunkt stehen Bilder von Netzwerken und der Kollaboration der Akteure. Das erlaubt dem Publikum, die Verhandlungen zwischen Körpern zu beobachten. Wie diese gemeinsam zu einem Entschluss kommen, sich gegenseitig beeinflussen und ihre Energie verteilen.

Ich entdecke in mir das Bedürfnis, die Performance, wie eine Installation im Ausstellungsraum, von allen Seiten anzuschauen, genauso wie in zwei Versionen von Schads Werk „Der BAU”. Die frontale Perspektive dient hier aber mehr als nur der präzisen Steuerung des zuschauenden Blickes. Wenn ich die Formation der Kollektiven auf der Bühne sehe, erfahre ich die Präsenz der anderen Zuschauer_innen im Raum. Die atmenden und sich in Theaterstühlen bewegenden Körper fallen auf und mir wird klar, wie viel Kraft nur in einer gleichzeitigen Anwesenheit an einem Ort steckt.
Während ihrer Rede für die Occupy Bewegung im Zuccotti Park in New York im Jahr 2011 betonte die amerikanische Philosophin Judith Butler das Körperliche solcher Versammlungen: „It matters that as bodies we arrive together in public. As bodies we suffer, we require food and shelter and as bodies we require one another in dependency and desire. So this is a politics of the public body, the requirements of the body, its movements and its voice.“ „Collective Jumps” ist ein Labor, in dem Körper Interdependenz, Intimität, Nähe und ihr revolutionäres Potenzial erproben. In der Performance von Isabelle Schad sind keine Sprünge zu sehen. Sie passieren an der Hautgrenze, wo Fleisch zu Fleisch wird.
Mateusz Szymanówka

Zitty, 26.11. 2014
TANZPREMIERE: Collective Jumps
Isabelle Schad, die man zu den vier wichtigsten Choreografinnen des zeitgenössischen Tanzes der Stadt zählen darf, begibt sich in ihrem neuen Stück auf die Suche nach der Erforschung der Kollektivi- tät. Das schließt thematisch prima an die Geburts- tagsfeierlichkeiten des Performancekollektivs Gob Squad an, die in diesem Hause gerade über die Bühne gingen. Schad sucht nun kollektives Widerstands- potenzial in einer Großgruppe yon 16 Tänzern.

Tagesspiegel, 27.11. 2014
Bewegungsmelder, Sandra Luzina

Wider die Vereinzelung
tanz die Utopie der Gemeinschaft
Die Avantgardisten der Sechziger waren ganz schön radikal - und ihre Ideen beflügeln noch heute, Anna Halprin hat mehrere Generationen von amerikanischen Tänzern beeinflusst. Ihre wilden ’Workshops’ in den Sixities sind legendär. Die Berliner Choreographin Isabelle Schad hat die 94-jährige Tanzrevolutionärin im Februar in San Francisco besucht, um sich Anregungen für ihre eigenen Forschungen zu holen. Halprin hat die Idee des Politischen ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt und Konzepte für Community Dances entwickelt.
Isabelle Schad setzt sich in ihrer neuen Arbeit ’Collective Jumps’ mit der Utopie der Gemeinschaftsbildung im Tanz auseinander. Für sie war dabei die Frage nach Praktiken, mit denen sich Vereinzelung überwinden läßt, zentral. Auch dieses Projekt hat Schad wieder gemeinsam mit dem bildenden Künstler Laurent Goldring entwickelt - die beiden pflegen einen intensiven Austausch. Eine Gruppe von 16 Tänzern untersucht, wie sich Form und Freiheit zueinander verhalten. Wie der kollektive Körper zum Ort des Widerstandes wird, erläutert auch die Tanzforscherin Gabriele Wittmann in ihrem Vortrag ’On Revolution’.

3/6/2016 Tanzplattform : Das Volk tanzt | Theater - Frankfurter Rundschau

In Frankfurt eröffnet die „Tanzplattform Deutschland“ leise und laut. In vier Tagen werden zwölf ausgewählte Produktionen gezeigt.

Zum 12. Mal findet die Tanzplattform Deutschland statt, zum zweiten Mal in Frankfurt – erneut ist der Mousonturm Organisator – und diesmal auch in der Region. Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain unterstützt das Projekt, so dass es einerseits ein Festival der weiten Wege geworden ist (Fachbesucher schätzen das kein bisschen), andererseits eben auch Darmstadt, Bad Homburg, Offenbach ein paar Aufführungen abbekommen haben. Ziel ist nicht zuletzt, dem künstlerischen Tanz ein neues Publikum zu erschließen. Diesem sollte freilich klar sein, dass zur alle zwei Jahre stattfindenden Tanzplattform traditionell Produktionen eingeladen werden, die außergewöhnliche, gern sperrige, die Sparten­Grenzen oft sehr weit dehnende Experimente wagen, die mithin für das Gros zeitgenössischer Tanzproduktionen eher nicht repräsentativ sind. Das ist ja nicht einmal das Bayerische Staatsballett mit seiner Aufführung des „Triadischen Balletts“.

Die sechsköpfige, aber vierstimmige Jury (drei Mousonturm­Vertreter teilten sich eine Stimme) hat den im Sinn von Transparenz verdienstvollen Entschluss gefasst, zu ihrer Entscheidung für jede der zwölf eingeladenen Produktionen eine nicht ganz kurze Begründung zu verfassen. Diese wird vor der Vorstellung auf Deutsch und Englisch verlesen; man kann sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, Zettel auszulegen mit den nicht eben unterkomplexen Texten.
Vier Tage lang, bis einschließlich Sonntag, gibt es die Produktionen zu sehen. Dazu werden im Rahmenprogramm Podien, ein „offener Think­Tank“, Warm­ups angeboten. Man solle sich doch für diese Tage besser gleich Urlaub nehmen, schlug Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth launig vor, der am Mittwochabend die Tanzplattform im Frankfurter Schauspiel eröffnete, zusammen mit den Rednern Matthias Pees, Mousonturm, und Kulturfonds­Geschäftsführer Helmut Müller. Dieser machte auch gleich Werbung für die Tanzplattform Rhein­ Main, die in Kooperation des Mousonturms mit dem Hessischen Staatsballett und mindestens bis 2018 stattfinden soll. So lange jedenfalls hilft der Kulturfonds auch da bei der Finanzierung.

Der Eröffnungsabend brachte zwei Stücke, die auf den ersten – aber nicht auf jeden – Blick kaum unterschiedlicher hätten sein können. Im Bockenheimer Depot wirkte und webte Isabelle Schad das mit 22 Tänzerinnen und Tänzern erarbeitete „Collective Jumps“, ein Ensemblestück von bestechender Schlichtheit wie auch sich langsam erschließender Raffinesse. Der Titel scheint ein kleiner Spaß zu sein, denn gesprungen wird in den 55 Minuten des Stückes nicht wirklich.

Vielmehr beginnt man mit zwei Kreisen, weitet und verengt sie, lässt sie gegeneinander schnurren wie ein Reißverschluss. Es gibt Reihen­Formationen diversester Art. Paare fassen sich an Schultern, Armen, Händen, was jeweils den Abstand verändert. Arme recken sich zum Halbmond, andere pendeln nach unten. Das Bewegungsmaterial stammt aus Volkstänzen, aber weil es durch 22 Körper vervielfältigt und wiederholt wird, wirkt der vielgliedrige Tänzerorganismus immer wieder wie ein sanftmütiges Maschinchen, als griffen Zahnräder ineinander, Pleuelstangen.
Dezent Geräuschhaftes begleitet die „Jumps“.

Im Schauspiel dann wurden allerdings Ohrenstöpsel angeboten. Anderthalb Stunden „Not Punk, Pololo“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen sind mindestens zur Hälfte an Lautstärke nicht sparendes Konzert, aller Text – und das ist eine Menge – wird gerappt oder sprechgesungen. Der Tanzplattform­ Jury gefiel nicht nur an dieser Gintersdorfer/Klaßen­Produktion das Thematisieren von und die Bemühung um Übersetzung: Das gilt sowohl für die verwendeten Sprachen Französisch (Performer aus Abidjan, Elfenbeinküste, sind dabei), Englisch und Deutsch, als auch für die wilde Mischung diverser Streetdance­Stile. Sie werden zum Teil benannt, zum Teil nachgeahmt von den mit ihnen nicht so vertrauten Akteuren. In andere Körper also über­setzt.

„Not Punk, Pololo“ hat die lockere Anmutung einer Session, als tanzten sich nebenbei Hip­Hopper warm. Es verweigert Formung und Dramatisierung, wenn man davon absieht, dass alle paar Minuten das Publikum geblendet wird. Ein sympathisch disparater Haufen Musiker und Tänzer wird losgelassen. Aber dass es die mehrfach beschworene „Authentizität“ nicht gibt, jedenfalls nicht bei den sich hier fröhlich überlappenden Tanz­ und Musikstilen, hat man schneller kapiert, als einem dieser Abend zutraut.
www.tanzplattform2016.de

Sylvia Staude
Feuilleton­Redakteurin

Published 13 December 2014