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SPIELZEIT 05.15

SEITE 17 / DER TAGESSPIEGEL DIE MONATSBEILAGE FÜR THEATER, MUSIK UND TANZ

Verhüllen und Entfalten

HAU3 O Die Arbeiten der Choreografin Isabelle Schad und des Künstlers Laurent Goldring sind in einer Werkschau zu sehen

Wer das verwilderte Gelände der Wiesenburg betritt, fühlt sich wie an einem verwunschenen Ort. Am Schornstein vorbei, dann noch einen Bienenstock passieren - schon steht man vor dem Studio von Isabelle Schad. Im ehemaligen Obdachlosen-Asyl in Wedding, das heute unter Denkmalschutz steht, hat sie zusammen mit Freunden eine marode Halle renoviert, die jetzt ihr Produktionsort ist. „Es ist ein kleines Paradies“, schwärmt Schad.

In der Halle sind auch einige der Tanzstücke entstanden, die sie gemeinsam mit Laurent Goldring kreiert hat. Seit sieben Jahren arbeiten die deutsche Choreografin und der französische Künstler nun schon zusammen. Das Hebbel am Ufer widmet den beiden nun eine Werkschau: Zu sehen sind die Soli „Der Bau“ (2012), „Unturtled #1 (2008) und #4 (2011)“ sowie das Gruppenstück "Collective Jumps" (2014). Außerdem wird Schad in der Lecture Performance „An Un-Folding Process“ Einblicke in den Arbeitsprozess geben.

Isabelle Schad, die zunächst klassischen Tanz studiert hat, arbeitet seit 1999 als freischaffende Choreografin. Damals hat sie sich erst einmal auf die Suche gemacht, erzählt sie, angetrieben von einem Gefühl des Mangels. Das betraf zum einen das philosophische Rüstzeug, ihr schwebte aber auch ein andere Form der Praxis vor. Unbeirrt ist sie ihren Weg gegangen. „Im Zentrum meiner Arbeit steht der Körper in seiner Materialität, seiner Prozesshaftigkeit und Erfahrbarkeit“, so fasst sie ihren Ansatz zusammen. Ihr ganzheitliches Verständnis des Körpers speist sich aus unterschiedlichen Einflüssen: Wichtige Impulse verdankt sie der Praxis des Body-Mind-Centering und auch asiatischen Techniken wie Aikido, Qi-Gong und Shiatsu. Seit einer Weile schon geht sie jeden Morgen in einen Dojo, um zu trainieren.

In ihren Stücken schafft sie es, die Lebendigkeit des Körpers mit einem strengen Formdenken zu vereinen. „Da bin ich in die Schule von Laurent gegangen“, sagt sie lächelnd. „Die Zusammenarbeit mit ihm ist für mich ein Meilenstein in meiner Geschichte.“ Schon einige Choreografen sind in das Pariser Atelier von Laurent Goldring gepilgert. Die Arbeit mit dem Künstler und Philosophen verheißt eine grundlegend neue Sichtweise. „Die Sessions mit Laurent sind Gold wert“, unterstreicht Schad. „Seine Praxis des Sehens ist so stark.“ Die Zusammenarbeit mit einem bildenden Künstler hätte natürlich neue formale Zwänge mit sich bringen können. „Es gab viel Diskussion und Konfrontation - aber immer im positiven Sinne“, stellt Schad fest und beschreibt, wie das Wechselspiel abläuft. Die Aktionen der Tänzerin nimmt Goldring mit der Kamera auf. Während er sich das Bild auf dem Monitor anschaut, gibt er Anweisungen, z.B. die Beziehung Knie und Ellbogen betreffend. Er stellt sich vor, wo das Bild hingehen könnte - „was aber nicht unbedingt anatomisch realisierbar ist“, sagt Schad und lächelt.

Der Dialog mit Goldring hat für sie mit Übersetzung zu tun, sagt sie. Denn sie ersinnt für seine Vorschläge einen körperlichen Vorgang, den es auszufüllen gilt. Es geht ja nicht nur darum, etwa die Relation von Knie und Ellbogen zu variieren, um Verschiebungen und Verrückungen. Sondern darum, dass etwas zum Vorschein kommt, eine „Wahrheit“ aufscheint. Gemeinsam analysieren die beiden die Bilder. Oft arbeitet sie dann allein weiter mit den Inputs. Dabei ist sie ausgebrochen aus dem eng abgesteckten Raum und brachte eine explosive Energie ins Spiel. „Das war für ihn eine Herausforderung. Er wollte anfangs nicht, dass ich durch den Raum gehe“, berichtet Schad.
Zusammen tüftelten die beiden an neuen Strategien des Sichtbarmachens. „Er sagte: Okay, du arbeitest mit Körpersystemen und Zellen aber man sieht das nicht von außen. Da brauchen wir einen Verstärker“, erzählt Schad. Das können die langen Stoffbahnen des Kostüms sein wie in „Der Bau“, wo das extra-große Kostüm nicht etwas versteckt, sondern wie eine Erweiterung der Tänzerin aussieht. kann auch die Gruppe sein wie in „Collective Jumps“, wo die Glieder der 16 Tänzer sich zu faszinierenden Mustern verketten. Der Einzelne wird absorbiert von einem kollektiven Körper, der sich in ständiger Wandlung befindet.

„Wir haben etwas ganz Eigenes miteinander gefunden“, sagt die Choreografin über die Zusammenarbeit mit Goldring. Die Retrospektive zeichnet nun die Entwicklung nach. „Das ist das Schöne an der Werkschau: Die Arbeiten sind alle miteinander verknüpft“, so Isabelle Schad. „Ich bereite nicht verschiedene Stücke vor - ich bereite mich vor für die Bewegung.“

SANDRA LUZINA


Unturtled #1

14. Mai 2015

Der Blick.
Du kommst. Du lässt dich anschauen, stellst dich aus, alleine in der Weite. Du präsentierst dein Material, dein Spiel, bist die*der Puppenspieler*in deines Körpers. Zwischen Sein und Haben. Ich darf dich anschauen, nicht mehr, dennoch, wo ich will, so lange ich will. Ein Privileg. Wir überschreiten den Punkt an dem es komisch wird, an dem ich sonst wegsehe, in der U-bahn, auf der Straße. Beschämt, ertappt bin. Es aber auch nicht intim wird, so lange schauen, dass der Kuss obligatorisch ist. Ich möchte in dich rein tauchen. Doch wohin – dein Körper ist da, aber du bist wo anders. Dein Blick ist glasig, innen. Du forderst nichts, nichts zurück, mich nicht heraus, ich kann rein, kann ich? Wohin komme ich, wie tief, leer ist es, finde nichts, kann an nichts festhalten. Du teilst nichts. Ich tauche durch dich hindurch. Flutsche durch. Ich komme in deinen Körper aber nicht in dich. Doch immer wieder deine Haut erinnert mich – du Mensch! Du bist! Brüste, Rücken, Arme. Da schaust du. Schaust mich an. Wach, nach außen. Herausfordernd, deine Augen strahlend blau. Jetzt kann ich nicht mehr tauchen, stoße dagegen, alles zu, so sehr außen, so sehr kalt. Und dann plötzlich: Grunzen und Schmatzen, du Tier. Du Wesen. Verschwimmen, Verrenken, Verrecken. Alles runter, alles Mensch, weg damit, weg strampeln. Entleerung. Du windest dich raus aus der Menschlichkeit, loswerden, loslassen. Du verbleibst der Schatten deines Körpers. Du machst dich davon. Was bleibt, das Erstaunen. Es geht hier gar nicht um dich und mich.

Birte Opitz

Published 7 June 2015