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Der Körper in seinen Einzelteilen

von Barbara Franke

Sie macht etwas mit ihrem Körper und er sagt ihr, was er sieht. In Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Laurent Goldring entwickelte die Tänzerin Isabelle Schad ihre Arbeit „An Un-Folding Process“, in der sie mit elastischen Stoffen spielt. Das eigentlich für Erwachsene gedachte Tanzstück führte Isabelle Schad am Montag solo im Tanzhaus NRW ausschließlich für Kinder auf und ließ ihren Assoziationen dazu freien Lauf.

„Alles begann mit einer Diskussion über Sichtbarkeit“, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Freund und dem bildenden Künstler Laurent Goldring philosophierte sie über die Frage, was ein Bild eigentlich ist. „Laurent schaut genau hin, macht sichtbar, was schon da ist, aber man sich vielleicht schon zu sehr daran gewöhnt hat, um es noch wahrzunehmen“. So bewegte sich die Tänzerin mit ihrem Körper, den sie Zelle für Zelle versteht, und Goldring gab ihr visuellen Input dazu. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, mit elastischen Stoffen zu arbeiten, die in „An Un-Folding Process“ keine Kleidung mehr, sondern nur noch übergroße Tücher, darstellen. Sie umgeben Isabelle Schad während ihres Tanzes wie eine zweite, unsichtbare Haut.

Und dennoch ist da, zumindest visuell, ein Raum zwischen dem eigentlichen Stoff und dem umhüllten Körper. Genau das erzeugt auch den Spannungscharakter: die Spannung darauf zu sehen, was sich hinter den vielen Nähten bewegt. Für Schad ist es der Körper in seinen Einzelteilen. Ein Bein, ein Arm, ein Kopf, alles kann bewegt und unterschiedlich zum Ausdruck gebracht werden – in ihrem Fall sogar so, dass es unmenschlich aussieht.

Denn auch Franz Kafkas Kurzgeschichte „Der Bau“ ist elementarer Bestandteil ihrer Arbeit. An vielen Stellen erinnern ihre Bewegungen tatsächlich an die eines Tieres, in Kafkas Fall an die eines Dachses, der vergeblich versucht seinen riesigen Erdbau zu perfektionieren um sich vor Feinden zu schützen, dann aber dem Wahnsinn anheimfällt. So baut sich der Raum eng um Schads Körper herum, sie bewegt sich wie in einem Labyrinth, aus dem sie zunächst nicht rauszukommen scheint. Ihr Körper ist verborgen von den Tüchern, die sie umhüllen. Am Ende kann sie sich aber doch noch befreien; dann scheinen ihre Bewegungen wieder mehr in einem Fluss stattzufinden, sie sind nicht länger ruckartig und von kämpferischer Natur. Schad ist frei, sie bewegt sich in einem weichen und erweiterten Raum, der sie nicht weiter einengt.

In „An Un-Folding Process“ spielt aber nicht nur die Verengung oder Erweiterung des Raumes eine Rolle. Schad kommt auch zu der Entdeckung, dass alle Bewegungen und Bewegungsrichtungen bereits existieren. Bewusst wiederholt sie ihre Schritte, wieder und wieder, betont dabei aber auch, dass jene Bewegungen Raum mit ein- oder ausschließen und wir uns in den darin stattfindenden Prozessen selbst erschaffen haben.

Diese Metaebene haben die Kindergarten-Kinder in der Vorstellung womöglich nicht verstanden, zumindest aber die Verwandlung in ein Tier. Darauf lassen die Zurufe der Kinder, Isabelle Schad sei eine Schnecke oder ein Vogel, schließen. Und dass sie am Ende selbst herausfinden konnten, in was man sich so alles verwandeln kann, wenn man mit Isabelle Schads Tüchern spielen darf, war wohl die größte Freude der kleinen Besucher.

Published 3 January 2016