Tanzplattform 2016

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______Irmela Kästner für Tanzplattform 2016:

Isabelle Schad tanzt. Mitunter so, dass einem das Herz aufgeht, dann wieder kommt man aus dem Staunen nicht heraus, angesichts der Figuren, die ständig neue Gestalt annehmen. Dynamik und Form bedingen sich. Nur auf den ersten Blick erscheint es als Paradox, wenn, wie in ihrer Solo-Serie „Der Bau“, erst die Verhüllung unter Stoffbahnen die inneren Vorgänge im Körper nach außen hin sichtbar werden lässt. Dann überschreitet ihr Tanz die Grenze zur bildenden Kunst und verlässt sich dennoch auf die Prinzipien von Choreografie, die sie, wie sie sagt, als Handwerkskunst versteht.
Sie ist eine akribische Forscherin, der Praxis des Body Mind Centering® folgend bis in die Zellen des Körpers hinein. Momentum, Rhythmus, der Lust an der Bewegung nachspürend ist ihr Ansatz hoch musikalisch motiviert.
Künstler, die sie im Denken inspirieren – Laurent Goldring für den bildhaften Ausdruck, Alain Franco für die Musik – holt sie sich an die Seite, um ihrem Tanz neue Dimensionen zu öffnen. Sie selbst beschäftigt sich seit Jahren mit asiatischen Kampfkünsten und der Philosophie des Tao. Ein Weg zu Wachstum und Wandel, der unermüdliches Üben voraussetzt, wie sie in ihrem jüngsten Solo „Fugen“ beeindruckend zeigt.
Isabelle Schads Tanzkarriere begann mit dem Ballett. Ensemblearbeit, die Bildung von Gruppen – sie spricht von „Gruppenkörper“ - vermittelt sie heute in einem Prozess des Teilens, der das Individuum anerkennt und darüber hinaus das Politische und das Spirituelle einzigartig und kongenial verbindet.

3/6/2016 Tanzplattform : Das Volk tanzt | Theater - Frankfurter Rundschau

In Frankfurt eröffnet die „Tanzplattform Deutschland“ leise und laut. In vier Tagen werden zwölf ausgewählte Produktionen gezeigt.

Zum 12. Mal findet die Tanzplattform Deutschland statt, zum zweiten Mal in Frankfurt – erneut ist der Mousonturm Organisator – und diesmal auch in der Region. Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain unterstützt das Projekt, so dass es einerseits ein Festival der weiten Wege geworden ist (Fachbesucher schätzen das kein bisschen), andererseits eben auch Darmstadt, Bad Homburg, Offenbach ein paar Aufführungen abbekommen haben. Ziel ist nicht zuletzt, dem künstlerischen Tanz ein neues Publikum zu erschließen. Diesem sollte freilich klar sein, dass zur alle zwei Jahre stattfindenden Tanzplattform traditionell Produktionen eingeladen werden, die außergewöhnliche, gern sperrige, die Sparten­Grenzen oft sehr weit dehnende Experimente wagen, die mithin für das Gros zeitgenössischer Tanzproduktionen eher nicht repräsentativ sind. Das ist ja nicht einmal das Bayerische Staatsballett mit seiner Aufführung des „Triadischen Balletts“.

Die sechsköpfige, aber vierstimmige Jury (drei Mousonturm­Vertreter teilten sich eine Stimme) hat den im Sinn von Transparenz verdienstvollen Entschluss gefasst, zu ihrer Entscheidung für jede der zwölf eingeladenen Produktionen eine nicht ganz kurze Begründung zu verfassen. Diese wird vor der Vorstellung auf Deutsch und Englisch verlesen; man kann sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, Zettel auszulegen mit den nicht eben unterkomplexen Texten.
Vier Tage lang, bis einschließlich Sonntag, gibt es die Produktionen zu sehen. Dazu werden im Rahmenprogramm Podien, ein „offener Think­Tank“, Warm­ups angeboten. Man solle sich doch für diese Tage besser gleich Urlaub nehmen, schlug Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth launig vor, der am Mittwochabend die Tanzplattform im Frankfurter Schauspiel eröffnete, zusammen mit den Rednern Matthias Pees, Mousonturm, und Kulturfonds­Geschäftsführer Helmut Müller. Dieser machte auch gleich Werbung für die Tanzplattform Rhein­ Main, die in Kooperation des Mousonturms mit dem Hessischen Staatsballett und mindestens bis 2018 stattfinden soll. So lange jedenfalls hilft der Kulturfonds auch da bei der Finanzierung.

Der Eröffnungsabend brachte zwei Stücke, die auf den ersten – aber nicht auf jeden – Blick kaum unterschiedlicher hätten sein können. Im Bockenheimer Depot wirkte und webte Isabelle Schad das mit 22 Tänzerinnen und Tänzern erarbeitete „Collective Jumps“, ein Ensemblestück von bestechender Schlichtheit wie auch sich langsam erschließender Raffinesse. Der Titel scheint ein kleiner Spaß zu sein, denn gesprungen wird in den 55 Minuten des Stückes nicht wirklich.

Vielmehr beginnt man mit zwei Kreisen, weitet und verengt sie, lässt sie gegeneinander schnurren wie ein Reißverschluss. Es gibt Reihen­Formationen diversester Art. Paare fassen sich an Schultern, Armen, Händen, was jeweils den Abstand verändert. Arme recken sich zum Halbmond, andere pendeln nach unten. Das Bewegungsmaterial stammt aus Volkstänzen, aber weil es durch 22 Körper vervielfältigt und wiederholt wird, wirkt der vielgliedrige Tänzerorganismus immer wieder wie ein sanftmütiges Maschinchen, als griffen Zahnräder ineinander, Pleuelstangen.
Dezent Geräuschhaftes begleitet die „Jumps“.

Im Schauspiel dann wurden allerdings Ohrenstöpsel angeboten. Anderthalb Stunden „Not Punk, Pololo“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen sind mindestens zur Hälfte an Lautstärke nicht sparendes Konzert, aller Text – und das ist eine Menge – wird gerappt oder sprechgesungen. Der Tanzplattform­ Jury gefiel nicht nur an dieser Gintersdorfer/Klaßen­Produktion das Thematisieren von und die Bemühung um Übersetzung: Das gilt sowohl für die verwendeten Sprachen Französisch (Performer aus Abidjan, Elfenbeinküste, sind dabei), Englisch und Deutsch, als auch für die wilde Mischung diverser Streetdance­Stile. Sie werden zum Teil benannt, zum Teil nachgeahmt von den mit ihnen nicht so vertrauten Akteuren. In andere Körper also über­setzt.

„Not Punk, Pololo“ hat die lockere Anmutung einer Session, als tanzten sich nebenbei Hip­Hopper warm. Es verweigert Formung und Dramatisierung, wenn man davon absieht, dass alle paar Minuten das Publikum geblendet wird. Ein sympathisch disparater Haufen Musiker und Tänzer wird losgelassen. Aber dass es die mehrfach beschworene „Authentizität“ nicht gibt, jedenfalls nicht bei den sich hier fröhlich überlappenden Tanz­ und Musikstilen, hat man schneller kapiert, als einem dieser Abend zutraut.
www.tanzplattform2016.de

Sylvia Staude
Feuilleton­Redakteurin

FRANKFURTER
ALLGEMEINE ZEITUNG

Lassen Sie sich überraschen Isabelle Schad feiert schönste Sprünge anders, Lea Moro tanzt ein Stillleben, und Offenbach ist „On Trial“

20. FEBRUAR 2016
Isabelle Schad: „Collective Jumps“

Da springt aber niemand. Kein Streben in die Höhe, übers platte Erdendasein hinaus. Jedoch gibt es jede Menge Luft um die 44 Füße herum, nur eben anders. Wenn die Berliner Choreographin Isabelle Schad ihr Gruppenstück, das im Bockenheimer Depot zu sehen ist, „Collective Jumps“ nennt, scheint sie eher eine Möglichkeit zu meinen: Wenn sie wollten, dann könnten sie. Die sich ununterbrochen im Kollektiv Bewegenden stellen einen stetigen Widerspruch zu den doch meist als solistische Leistung gefeierten Sprüngen im Bühnentanz dar. Ihr Sprung ist der aus dem Höher-Weiter-Schneller hinaus. Da gibt es keine Akzente, Profile, Marken, nur sich scheinbar unendlich wandelnde Formen, die sich selbst genug sind. Schön, auf ganz unverbiesterte Weise. Isabelle Schad, geboren 1970 in Stuttgart und dort klassisch ausgebildet, bevor sie 1999 anfing, eigene Projekte zu zeigen, die schon zweimal auf den Tanzplattformen vertreten waren, hat das Stück in bewährter Weise mit dem bildenden Künstler Laurent Goldring erarbeitet. In einem Interview spricht sie von vielen winzigen Sprüngen oder Differenzierungen, die bei einer Entwicklung als Kontinuität wahrgenommen werden. Und von Utopie.
mesu.

"Tanzjahr" beginnt in Berlin
Montag, 15.02.2016 11:51 Uhr

Goettinger­Tageblatt.de

So viel Ballett war selten: Die Tanzszene in Deutschland hat 2016 zum "Tanzjahr" erklärt. Es wird von Bundespräsident Joachim Gauck am 19. Februar im Schloss Bellevue eröffnet. Danach folgen drei Großveranstaltungen in Frankfurt, Hannover und Düsseldorf.


Tänzerinnen und Tänzer des Berliner Tanz­Ensemble Isabelle Schad während einer Probe für "Collective Jumps". Das Ensemble wird an dem Festival "Tanzplattform Deutschland" in und um Frankfurt teilnehmen.
Quelle: Laurent Goldring/Mousonturm dpa

Frankfurt/Berlin. Von 2. bis 6. März läuft im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm die "Tanzplattform Deutschland". Das Festival findet alle zwei Jahre statt. Eine Jury wählt aus, wer dabei sein darf. Zu sehen sind die zwölf besten Produktionen zeitgenössischen Tanzes. Von 16. bis 19. Juni findet in Hannover der "Tanzkongress" statt.
Veranstalter ist die Kulturstiftung des Bundes. Der Kongress ist Fachtreffen und Präsentations-Plattform zugleich. Und in Düsseldorf ist vom 31. August bis 3. September die "tanzmesse nrw", das größte Branchentreffen der Szene. Die internationale Messe bringt Tänzer, Choreografen, Veranstalter und Agenturen weltweit zusammen.
Dazu kommen Sonderveranstaltungen wie ein Kongress für Tanzmedizin, ein Treffen der Tanzarchive und ein Symposium zur Tanzpädagogik. Ziel sei es, "die Kunstform Tanz in alle Bereiche der Gesellschaft zu tragen", heißt es beim Dachverband Tanz Deutschland, der die Aktivitäten im "Tanzjahr 2016" bündelt.

dpa

Published 13 March 2016