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Isabelle Schad schafft ein „Solo für Lea“

Lea Moro und Isabelle Schad sind erstmals gemeinsam in den Sophiensælen Berlin zu sehen

Veröffentlicht am 15.10.2016, von Maria Katharina Schmidt. Tanznetz.de

Berlin - „Da haben sich zwei gefunden“, raunt es durchs Publikum nebst ausdauerndem Applaus. Gefunden haben sich in „Solo für Lea“ Isabelle Schad und Lea Moro. Damit trifft eine beständige Avantgardistin zeitgenössischer Choreografie auf eine neue choreografische Hoffnungsträgerin, wie das Jahresmagazin „tanz“ Lea Moro jüngst auszeichnete. Jedoch lassen sich diese beiden Protagonistinnen der Freien Szene Berlins keineswegs allein mit derartigen Zuschreibungen begreifen, genauso wenig wie ihre gemeinsame Produktion „Solo für Lea“.

Lea Moro steht am Bühnenrand. Bis zum Applaus wird dieser Moment der letzte sein, in dem das Gesicht von ihr zu sehen ist. Es folgt Dunkelheit, doch bevor sich die Augen daran gewöhnen können, erscheint sie im erneut aufgedrehten Licht im Zentrum der Bühne, mit dem Rücken zum Publikum, die Arme über dem Kopf, die Hände umfassen den jeweils anderen Ellenbogen, der Rippenbogen pulsiert, dadurch auch der Oberkörper bis zu den Armen und dem letzten Fingerglied. Abwechselnd umfasst sie mit den Händen die Handgelenke, Ellenbogen und Schultergelenke des jeweils anderen Arms. Bald beginnen die Arme unter der pulsierenden Wiederholung frei zu schweben, selektieren sich vom Rest des Körpers, der schwarz gekleidet vom Schwarz der Bühnenumgebung gänzlich geschluckt wird. Unter dem diffuser werdenden Licht zeichnen sich Lea Moros präzise bewegte Arme immer schärfer ab. Dazu eine Klanglandschaft aus Kratzen, Streichen, Schreiben, wie Pinselborsten auf Leinwand oder doch Filzstift auf Papier. Eine surreale Umgebung entsteht, in der Arme nicht mehr als Arme zu begreifen sind und Lea Moros Körper nicht als der einer Frau, nicht als der eines Menschen, denn ohne Gesicht, mit zahllosen Gliedmaßen, niemals aufrecht, im Grunde fremd. Zugleich ist der zergliederte Körper kein Unbekannter: Laurent Goldrings Bilderserie „Petite chronique de l’image“ (1995-2002) verhalf ihm zu erster Sichtbarkeit. Die derart unkonventionellen Perspektiven auf den Körper bewegten sich mit „Self Unfinished“ (1998) in der Kollaboration von Goldring und Xavier Le Roy schließlich auf die Bühne und steigerten sich in der kontinuierlichen Zusammenarbeit von Goldring und Isabelle Schad zu einem Höhepunkt des Unabgeschlossenen, dem das HAU Berlin im Jahr 2015 eine einwöchige Werkschau widmete.

In „Solo für Lea“ überlagern sich nun all diese Spuren: Die Körperpraxen der Isabelle Schad vom Body Mind Centering über die Embryologie bis zum Zen-Shiatsu sind durchzogen vom Kamerablick des Laurent Goldring. Der Körper von Lea Moro wiederum bereitet die Bühne für jene jahrelange Fusion aus Blick und Bewegung, Innen und Außen, Sichtbarkeit und Berührung, Bild und Tanz. Daher erscheint „Solo für Lea“ von Zeit zu Zeit wie ein Wiedersehen mit dem Körper der Isabelle Schad über den der Moro. Ein faszinierendes Wiedersehen gerade in jenen Momenten, die den Blick auf den nackten Rücken freigeben, den Oberkörper dabei auf die Oberschenkel gelegt, die Hände auf die leicht gebeugten Knie gestützt, die Haare kopfüber nach unten hängend. Lea Moro wiederum setzt mit ihrem Körper ihre ganz eigenen Spuren: Es entstehen frei schwebende Haarknäuel, kopflose Torsomenschen, Vexierbilder, die jedoch unaufgelöst im Dazwischen verbleiben, Körpercluster, deren Zusammenspiel eine wundersame Choreografie hervorbringt, kaleidoskopartige, psychedelische Figurationen, längst nicht so farbenfroh, jedoch mit immenser Sogwirkung, atmende Hautkugeln, deren Knochen und Muskelstränge ein Eigenleben führen, ein weiblicher Akt, der jedoch nie wirklich als Akt zu begreifen ist.

Das letzte Bild ist wunderbar klar gesetzt, ein haariger Punkt inmitten von Hautspiegelungen. Das Licht erlischt und bringt wiederholt die Erkenntnis mit sich, dass all diese Zuschreibungen nicht das zum Ausdruck bringen, was sich auf der Bühne gerade zeigte. In Angesicht von „Solo für Lea“ fehlen die Worte. Gerade darin lässt sich die choreografische Signatur einer Isabelle Schad erkennen, ebenso wie in der Ensembleleistung von Licht, Klang, Bewegung, Kostüm, Blick und Raum.

„Solo für Lea“ ist noch am 15. und 16. Oktober 2016 in den Sophiensælen Berlin zu sehen.

Plastisches Porträt
Isabelle Schad hat der Tänzerin Lea Moro ihr „Solo für Lea“ auf den Leib choreografiert

Eine Studie in Minimalismus, ein physisches Porträt und eine Skulptur in Bewegung ist das „Solo für Lea“. 2016 hat es Isabelle Schad eigens für die Tänzerin Lea Moro choreografiert, um die Rhythmen, Konturen, Farben und Energien ihres Körpers aufzuspüren. Reduziert sind die Bühnenelemente:
Moros Körper, schwarz gekleidet bis nackt, das Gesicht stets abgewandt, steht, kniet und liegt auf einem niedrigen Podest. Dämmrig blau bis fahl golden ist das Licht von Bruno Pocheron, der Sound von Damir Simunovic erinnert an Maschinelles, an Natur, ein anonymes Surren, Rattern, Reiben, Klacken über einem flächig-tonlosen Klang, mitunter Regen.
Mit repetitiven Bewegungen fokussiert Isabelle Schad einzelne Körperregionen der Tänzerin: anfangs rotiert Lea Moro ihren Oberkörper minutenlang von rechts nach links, die Unterarme über dem Kopf zusammengelegt. In kaum merklicher Veränderung verschränken sich Hände, liegen auf Schulterblättern, tauchen unter den Kragen als seien sie eigenständig, verhuscht zwar, aber selbstbestimmt. Ein Tanz der Körperglieder, des Torsos dann, der Rückenlinie. intim und sachlich. unbemerkt verrinnt die zeit, im meditativen Fluss von Körperhaltungen, von denen eine aus der anderen hervorgeht. Pose um Pose: entwickelt hat Schad das „Solo für Lea“ aus Shiatsu-Haltungen, die den Energiefluss in den Meridianen anregen sollen. Somatische Techniken nutzt Isabelle Schad schon länger – getanzt hat sie im klassischen Ballett und bei der Brüsseler Compagnie Ultima Vez, sie ist ausgebildete Zen-Shiatsu-Praktikerin, hat sich mit Embryologie und Body-mind-centering befasst, trainiert Aikido. Daneben prägt ein bildnerisches Interesse ihr Werk, das seit jeher im Grenzbereich von Tanz, Performance und Bildender Kunst navigiert. Auch im „Solo für Lea“ transformiert Isabelle Schad die fleischliche Apparatur und ihre Mechanik in eine lebendige Skulptur. Plastisch formt sie Moros Körper, mit knetend-wogenden Bewegungen: Muskelstränge treten hervor, Rückenwirbel wölben sich unter der monochromen Haut, anatomische Strukturen werden zu verschatteten Mulden und lichten Erhebungen. Glieder, grotesk gerundet, die Materialität von Haut und Haar: an Gemälde von Francis Bacon, Plastiken von Henry Moore oder Ingres’ „Odaliske“ lassen die Formungen denken. Schad selbst erwähnt Picassos „Zeichnungen aus einem Strich“. so skizzenhaft und doch in sich geschlossen wirkt auch das „Solo für Lea“ – ein vollendeter Entwurf.

Von­ Elena Philipp erschienen in FAZ Mousonturm

Published 18 October 2016