Tanznacht Berlin 25.August 2012

25. August 2012, 13:00 h, Uferstudio 14

Konzept, Choreografie: Isabelle Schad
Co-Choreografie, Performance: Selma Banich, Nino Bokan, Roberto Bolivar, Moyra Silva Rodriguez, Ivaylo Dimitrov, Jorge Gonçalves, Roni Katz, Nikolina Komljenović, Vera Knolle, Inna Krasnoper, Nina Kurtela, Martha León, Maja Marjančić, Sarah Menger, Andrea Ochoa, Eduard Mont de Palol, Sybille Müller, Carlos Maria Romero, Ivana Rončević, Martina Rösler, Lola Rubio, Karolina Šuša, Martina Tomić, Nils Ulber, Ivana Vratarić, Marysia Zimpel

Künstlerische Zusammenarbeit: Alain Franco
Licht und Bühne: Mehdi Toutain-Lopez
Ton und technische Realisierung: Martin Pilz
Klangberatung und -synthese: Kassian Troyer
Kostümberatung: Marion Montel
PR, Produktionsleitung: Susanne Beyer
Holzkonstruktion: Marcello Busato
Dokumentation: Fahri Akdemir
Theorie / Textarbeit : Christina Amrhein
Photographische Dokumentation: Kailai Chen
Dank an: Fahri Akdemir, Kailai Chen, Laurent Goldring, Volker Hüdepohl, HZT, Arantxa Martinez, Eva Meyer-Keller, Ana Rocha, Wiesen55 e.V. - und alle, die uns mit Unterkünften und Teilnahme an den Open-Practice Sessions beiseite standen


Christina Amrhein
Über den vielgefalteten Körper
Vielleicht ließe sich die Arbeit Experience #1 als eine Fortsetzungsgeschichte lesen, die erneut die Frage nach dem stellt, was sich im choreographischen Prozess auf der Bühne als Form darstellt und gleichzeitig die Bedeutung des Visuellen im Bezug auf die sinnliche Wahrnehmung von Bewegung befragt.
Wie fügt sich Bewegung zur bestimmbaren Form, die den Betrachtenden in einen kinästhetischen Sog hineinzieht und sich gleichzeitig als Bild kristallisiert? Wann wird aus einem undurchsichtigen Gewimmel einzelner Individuen eine augenfällige Formation, die sich von ihrem Grund löst und auf einen fortwährenden Prozess der Formierung verweist, der die aktive Generierung von Bildern im Auge des Betrachters unterbricht?
Was wäre der Grund eines Bildes auf dem sich gleichzeitig alle möglichen Bilder in Erscheinung bringen lassen?

„Was sich nicht zeigt, sondern was sich in sich versammelt, die diesseits oder jenseits der Gestalten geballte Kraft, nicht als eine andere, dunkle Form, sondern als das Andere der Formen überhaupt.“1

So durchkreuzt die Arbeit visuelle, akustische und kinästhetische Räume, indem sie den Raum mit Bewegung radikal ausfüllt. In einer amöben Selbstbezogenheit agieren die Körper aus, was einer entfernten Vergangenheit angehört und selbst nur noch als Vibration, als Resonanzraum in Erscheinung gebracht werden kann:
Die metamorphen Prozesse der organischen Materie in den ersten Wochen embryonaler Entwicklung bilden die Grundlage einer Befragung des Verhältnisses von Innen/Außen des sich bewegenden und wandelnden Körpers und setzen ihn gleichzeitig in Relation zu dem ihn umschließenden Umraum.
Körper, die sich in einer Durcharbeitung „ihres“ Bewegungsmaterials permanent dieser Grenze annähern: dem Eigenen und dem Anderen. Dem Festen und dem Flüssigen. Dem Übergang vom Formlosen zur Form.

„Die Rede vom See oder Teich gewinnt hier eine neue Bedeutung, denn der Teich, ebensogut Marmorblock, verweisen nicht auf die elastischen Wellenbewegungen, die sie als anorganische Falten durchqueren, sondern auf die Fische, die sie als organische Falten bevölkern.“2

Das Modell der barocken Falte dient hier als Beschreibungsversuch, und gleichzeitig als Metapher für ein Organisationssystem, das sich in seinem und durch sein Krümmen, Falten, Formen und Fallen zueinander in Relation setzt. Es entsteht ein Resonanzraum, der sich über seine ins Unendliche ein- und umfaltenden Bewegungen definiert und sich dadurch immer wieder aufs Neue öffnet.

1 Nancy, Jean-Luc: Am Grund der Bilder. Zürich-Berlin 2006, S. 11
2 Deleuze, Gilles: Die Falte. Leibniz und der Barock. Frankfurt am Main

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Published 22 August 2012