German Dance Platform 2020

Körper, die aus Vielen gemacht sind, brechen auseinander, zerfallen in ihre Einzelglieder und schieben sich wieder zusammen. Mit „Reflection“ schließt die Berliner Choreografin Isabelle Schad ihr fünfjähriges choreografisches Projekt über kollektive Körper ab. Von der Utopie der Gemeinschaft „Collective Jumps“ zur Analogie der Natur in „Pieces and Elements“ konzentriert sich „Reflection“ auf die Kräfte, die uns bewegen, und auf die Bedeutung der Singularität, andere zu bewegen. Die Performer*innen verhandeln das Theater als sozialen Versammlungsort, als Reflexion über Leben, Verwandlung (und Tod), als eine Apparatur, deren Motoren mit der Biomechanik und Bewegung des menschlichen Körpers interagieren. Suggeriert wird dabei ein Gefühl der Dringlichkeit, ein Gefühl von Körpern, die ständig „arbeiten“, gewillt, die kollektiven und individuellen Strategien aufzuspüren, die wir brauchen, um zu existieren, zu koexistieren, zu bestehen. „Reflection“ ist eine tiefgründige und vielschichtige Bewegungsrecherche, die verschiedene Formen körperlicher Ko-Existenz und Körper-Subjektivitäten auf der Bühne untersucht – vielleicht auch ein Entwurf für eine Möglichkeit miteinander zu leben. Schad wurde 2019 für ihre herausragende künstlerische Entwicklung im zeitgenössischen Tanz im Rahmen des Deutschen Tanzpreises geehrt.

https://www.tanzplattform2020.de/auswahl/isabelle-schad/

Presse

Treffen der Szene: Abschlussbericht der Tanzplattform 2020 in München

(...) Tanz aus Deutschland hatte lange den Ruf, sehr konzeptionell, ja intellektualistisch zu sein. Dass diese Zeiten erst einmal vorbei sein dürften, hat die diesjährige Tanzplattform gezeigt. Walter Heun hat sie ko-kuratiert und verantwortet. ’Das ist eine Veränderung, zumindest in dieser Auswahl hier, daß Du Arbeiten siehst, die auch handwerklich so genau sind, daß Du auch wieder berührt wirst. Das kann physisch sein, das kann expressiv sein, das kann in der Art sein, wie mit Raum, mit den Bühnenmitteln gearbeitet wird, das kann in der Präzision der Bewegung liegen...’. Wie z.B. bei der Berliner Choreographin Isabelle Schad, die mit ihrem jüngsten Gruppenstück ’Reflection’ Demokratie, Durchlässigkeit und Gemeinschaftlichkeit in einer einzigen großen Bewegung inszenierte.
Elisabeth Nehring, Fazit, Deutschlandfunk Kultur, 8.März 2020

Tanzplattform Deutschland 2020

Insidertreffer mit Öffentlichkeitscharakter: Die Tanzplattform Deutschland fand nach 22 Jahren wieder in München statt. Da die städtische und freie Szene sich hier gern vernetzt, wenn es um Spartengroßereignisse geht, ergänzten zahlreiche Begleitveranstaltungen insgesamt 15 Hauptbeiträge. Rückblick auf einen Marathon starker Stücke kurz vor Ausbruch europaweit verordneter kultureller Live-Abstinenz.
(...)
Isabelle Schad
Für die Eröffnung hat man sich das Gruppenstück „Reflection“ der Berlinerin Isabelle Schad herausgepickt. Ihre in München 13 (statt wie bei der Uraufführung 14) Performer ergründeten eine teilweise mobile Bühne als sozialen Versammlungsort und testeten Kräfte aus, die uns mehr physisch als emotional bewegen. Darstellerisch völlig unaufgeregt wurden Möglichkeiten des Tanzes hinsichtlich Ko-Existenz und Verselbständigung innerhalb von Gruppenkonstellationen einer Bühne, die eine Drehscheibe dominiert, untersucht und über abstrakte Formen an die Beobachtungs- und Assoziationsfähigkeit des Publikums appelliert. Die totale Fokussierung auf genau solche Qualitäten sorgte für einen unspektakulär imposanten Auftakt eines beeindruckenden Festivals starker Stücke.
AutorIn: Vesna Mlakar, 23. März 2020, Kritiken tanz.at

Auf die Spitze getrieben
Die Tanzplattform ging mit weiteren bemerkenswerten Gastspielen zu Ende

(...) Und auch das Programm an sich hatte, Zufall oder nicht, eine hüb­sche Dramaturgie. Mit Isabelle Schads .Reflection· ging es am Mittwoch in den Kammerspie­len los - mit schreitenden Tän­zer und Tänzerinnen, die sich auf einer kreisenden Schreibe in immer neuen Formationen finden, ihre Gliedmaßen kom­binieren und bei aller Grup­pendynamik sich doch immer wieder vereinzeln.(...)
Michael Stadler, ABENDZEITUNG MONTAG, 9. MÄRZ 2020

Tanz sagt mehr als tausend Worte
Die Tanzplattform Deutschland ist in München beeindruckend gestartet

(...) In ’Reflection’ untersucht die Berliner Choreographin Isabelle Schad die Möglichkeiten des Tanzes hinsichtlich Ko-Existenz und Verselbständigung innerhalb von Gruppen. Über abstrakte Formen wird an die Beobachtungs- und Assoziationsfähigkeit des Publikums appelliert. All diese Qualitäten sorgten für einen opulenten Festivalauftakt.
Vesna Mlakar, AZ März 2020

Das war die Tanzplattform
(...)
ISABELLE SCHAD: REFLECTION
Eine Drehscheibe auf der Bühne, 13 Tänzer*innen gehen wie auf einem Laufband, mal entgegengesetzt, mal nebeneinander her – eine Spannung baut sich auf als die ersten Darsteller*innen beginnen, bogenförmig umher zu springen. Die Handlung spitzt sich zu, Körper werden schneller, nackter, dynamischer, synchroner. Zu industriellen Klängen „verketten“ sich die Körper der in beige, schwarz oder grau gekleideten Tänzer*innen. Mit Händen und Armen formen sie durch verschlungene Griffe unterschiedliche Bilder. Zwischenzeitlich läuft leise eine klassische Symphonie im Hintergrund und sorgt zwischen Trubel und Schnelligkeit für ausgleichende Ruhe in der Kammer eins. Die industriellen Sounds verklingen, die Symphonie läuft weiter, wird lauter, der Vorhang fällt. In kompletter Ruhe zu epischer Musik kommt das Publikum zu sich zurück. (...)
Sophia Reichert, M94,5

Gemeinsam unterschiedlich
Nach 21 Jahren wieder in München: die Tanzplattform Deutschland

Ein Begriffspaar verwendet Walter Heun besonders häufig, wenn man ihn nach der Konzeption der Tanzplattform 2020 fragt: "Offene Gesellschaft." Der Münchner Mitbegründer dieser Art Fachmesse für zeitgenössischen Tanz, die seit 1994 in wechselnden Städten biennal stattfindet, ist im deutschsprachigen Raum ein großer Kenner und Förderer des Tanzes - und weigert sich zunehmend, diese Kunstform in seinen Formaten zu kategorisieren. "Wir hatten früher Tanzplattformen, wo die Jurys ab und an mal eine Behauptung aufgestellt haben", erklärt er, die seien aber konzeptionell die schwierigsten gewesen. Deshalb sei man in diesem Jahr ganz "ohne Ideologie" rangegangen und habe sich gefreut über das breite "Spektrum an bemerkenswerten Arbeiten", erklärt Heun.
Bei den Produktionen treffen verschiedene Stile, unterschiedliche künstlerische Interessen sowie Etabliertes und Underground aufeinander. Zur offiziellen Eröffnung, am Mittwoch Abend in den Kammerspielen, zeigt die in diesem Jahr beim deutschen Tanzpreis geehrte Choreografin Isabelle Schad ihr Stück "Reflection"; eine abstrakte Arbeit, in der Alltagsbewegungen und vor allem Begegnungen zwischen Menschen in eine künstliche und dann auch künstlerische Form übersetzt werden.
Süddeutsche Zeitung, Rita Argauer, 2.März 2020

Published 22 March 2020