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Minimale Bewegungen: Isabelle Schads „FUR“

von Katja Vaghi, 2. August 2020

Manchmal findet man Stücke, bei denen man einfach sprachlos bleibt. Nicht, weil sie an uns verbeigegangen wären und uns nicht berührt hätten, sondern weil sie tief getroffen haben. Trotzdem will ich versuchen, etwas von Isabelle Schads „FUR“ zu berichten. Die Showings mit Aya Toraiwa waren am 31. Juli und 1. August 2020 in der Wiesenburg-Halle zu sehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der ich über Formate schrieb, in denen der Körper anwesend war, aber immer digital vermittelt wurde, ist Isabelle Schads „FUR“ meine erste verkörperte Live-Vorstellung. Anlass war das Sommerfest in der Wiesenburg in Wedding. Dementsprechend war ich aufgeregt, auch weil ich noch nie in ihrem wunderschönen Studio war, der Wiesenburg-Halle. Die neuen Gesten des Zusammenlebens — Abstand, Mundschutz und Datensammlung— erweitern das Ritual des Besuchs von Tanzperformances außerhalb der eigenen Wohnung. Ich bin dankbar, so ein Stück wie Schads „FUR“ für die Rückkehr zum Live-Tanz gewählt zu haben, wo der Minimalismus der Bewegung den lebendigen Leib zur Geltung bringt.

Während des Lockdowns entstanden, hat „FUR“ die Tänzerin Aya Toraiwa, ihre Körpermerkmale, Rhythmen und Energien sowie ihre knielange Haarmähne als Ausgangspunkt. Alleine auf einer grünen Flache mit einem niedrigen Podest aus grünen Gymnastikmatten, fängt Toraiwa an zu rollen, während ihre Haare wie ein Pinsel in unsere Richtung Spiralen malen. Hin und her rollend, exploriert und benennt sie mit dieser scheinbar einfachen Bewegung den Rahmen ihres Agierens — Rand, Hindernis — und fügt kleine Variationen —mal mehr Schwung mit den Beinen, mal mit dem Oberkörper — in ihr Rollen ein.

Fast unauffällig richtet sie sich auf und sitzt kniend. Die Aufmerksamkeit ist auf ihren Haaren, die durch die Bewegung Bilder von auf den Knöcheln laufenden Gorillas, wellig und flüssig tanzenden Medusen, dem Vetter Itt der „Adams Family“ oder wirbelten Derwischen hervorrufen. Als ihre weißen Finger die langen schwarzen Haare, die ihr Gesicht bedenken, durchkämmen, sehe ich Dämonen des Nō Theaters und Bilder japanischer Gespenster, die ich aus alten japanischen Filmen kenne (wie Kenji Mizoguchis „Ugetsu Monogatari“ von 1953). Toraiwas Gesicht ist — bedeckt von Haaren oder weil sie uns den Rücken zuwendet — fast nie zu sehen. Ihr Körper steht für alle Körper, jede einzelne Pore ist expressiv und strahlt Poesie aus.

Auf eine Weise hat das Stück mich an ein Seitenargument aus Jun’ichirō Tanizakis „Lob des Schattens“ (1993) erinnert, in dem der Autor über die Patina und Aura traditioneller japanischer Gegenstände im Vergleich zu der fast klinisch-sterilen westlicher Ästhetik spricht. Tanizaki lobt die imperfekten Details des traditionellen japanischen Stils und Lebens, die wir besser als Wabi-Sabi kennen. In Schads Stück wirkt Toraiwas voll beleuchteter Körper, alleine auf der Bühne, wie unter einer Lupe. Jede einzelne Bewegung ist vergrößert. Die einfachen und minimalen Bewegungssequenzen bringen den Leib und seine Imperfektionen in den Vordergrund und zelebrieren somit das Mysteriöse und Mystische im Lebendigen, so wie der minimal eingerichtete Raum von Schads Wiesenburg-Halle mit seinen freiliegenden Ziegeln und den großen Glasfenstern die schöne wilde Natur draußen hervorhebt.

Mal wieder etwas Mysteriöses, über das man schreiben kann. Mysteriös, weil Worte nicht genug sind, um es zu erklären. Man muss es gesehen haben.

Published 7 August 2020