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Choreografische Himmelsachsen

17. September 2021, von Andrej Mirčev
TanzRaumBerlin | Tanzschreiber | Kritik | von Andrej Mircev | 17.9.2021

Im Rahmen der Offensive Tanz für junges Publikum Berlin und als Produktion des Theaters o.N. wurde am 16. September 2021 in der Tanzhalle Wiesenburg das neue Tanzstück „Harvest“ von Isabelle Schad uraufgeführt. In einer fantasiereichen Inszenierung spielen die Choreografin, drei Tänzer*innen und ein Musiker mit wechselnden Landschaften, die sich aus der Interaktion mit Stöcken und Zweigen entfalten.

Als „ein Tanzstück von Isabelle Schad für Menschen jeden Alters“, wie der Untertitel von „Harvest“ lautet, lädt die Inszenierung in einen ästhetisch-sinnlichen Raum ein, in dem man sich wieder erinnern kann, wie man als Kind über die Welt staunte. Drei Tänzer*innen (Aya Toraiwa, Jan Lorys, Manuel Lindner) teilen die Bühne mit Zweigen und Ästen unterschiedlicher Größe und Länge, die gleichzeitig als Körperverlängerung, Szenografie und Marionetten figurieren. Ihre Bewegungen und Interaktion mit diesen Materialien ist achtsam und konzentriert, wodurch man den Eindruck bekommt, die Pflanzen wären der*die vierte Tänzer*in und hätten ein autonomes, wenn auch fragiles Dasein. Immer wieder ereignen sich performative Konstellationen, in denen die Stöcke die Körper erweitern oder zu einem Versteck werden, hinter dem sich die Tänzer*innen kurzfristig verbergen können. Dass die Stöcke, Äste und Zweige bewusst unterschiedliche Funktionen haben und diverse Bedeutungen hervorbringen, wird im Programmheft deutlich artikuliert: „Wie klingt ein Weidenstock? Wie liegt er in der Hand? Wie unterscheiden sich die großen von den kleinen Stäben? Die braunen von den grünen? Die alten von den jungen? Und wie werden sie zu einer Marionette, einem Walfischbauch oder einem Wald, wie zu einem Monster oder zu einem Schiff?“ Aufgrund dieses Spiels mit unterschiedlichen narrativen Möglichkeiten und Interpretationen erscheint das Stück geeignet für Kinder ab 3 Jahren. Jede*r ist eingeladen, den eigenen Bedeutungskosmos zu formulieren.

Das choreografische Vokabular wird durch wiederholte systematische Kreisbewegungen generiert, die einerseits die Äste und Zweige aktivieren und anderseits die Körper in Schwung versetzten und quer über die Bühne leiten. Im Hinblick auf den Titel „Harvest“, den man mit dem Begriff der Ernte übersetzten kann, lässt sich die zyklische Bewegungsstruktur mit dem periodischen Zeitrhythmus der Natur in Verbindung bringen. Außerdem bringt das Drehen der Tänzer*in um die eigene Achse Assoziationen zum kosmologischen Tanz der Derwische hervor. In Situationen, in denen die langen Stöcke wie Stifte animiert werden, entsteht der Eindruck, die Bewegungen wären ein genuiner Schreibakt: ein Schreiben der Bewegung und eine Bewegung der Schrift. Neben jenen Stöcken, die etwas dicker und länger sind, gibt es noch zwei weitere Sorten, die Mittelgroßen und die Kleinen. Diese sind gebündelt und suggerieren ebenfalls eine Bedeutungsvielfalt: Besen, Wälder, Peitschen, Büsche, Zelte. Und mehr noch, die kleinen Zweige werden zum Schluss auf der gesamten Bühne verstreut, womit sie auf Spuren verweisen, die die Choreografie hinterlassen hat. Dabei ist der rote Faden die überraschende skulpturhaft-visuelle Qualität der Objekte, die durch das Lichtdesign (Emma Juliard) verstärkt wird und in ihrer Sinnlichkeit dargestellt wird. Ein wichtiges Element in der Strukturierung der Aufführung ist das Sounddesign und die live manipulierte Geräuschkulisse (Damir Šimunović), welche zum Aufbau der Atmosphäre beitragen und die akustische Resonanz des Tanzes bestimmen.

Als raffiniertes ästhetisches Ereignis entfaltet „Harvest“ ein Dickicht möglicher Geschichten und szenischer Bilder, die gleichzeitig affektiv und spekulativ aufgeladen sind bzw. zum Fühlen sowie zum Nachdenken anregen. Zunächst konzentrierte ich mich auf den respektvollen Umgang der Tänzer*in mit dem Material, was ich als eine ökologische Geste wahrgenommen habe. Durch sie kommt die derzeit schwer belastete Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck. Die Größenanordnung bzw. der Unterschied zwischen einzelnen Stöcken und kleineren Ästen lenkte meine Aufmerksamkeit weiter auf die Frage nach der ebenfalls degenerierten Wechselwirkung und dem verlorenen Gleichgewicht zwischen Individuen und Kollektivität. Diese zwei Perspektiven führten mich letztlich zu jener Assoziation, die sich durch den Vorgang des vertikalen Aufstellens großer Äste offenbarte. Der Religionswissenschaftler Mirce Eliade formulierte in seinem Buch Das Heilige und das Profane den Begriff des „Axis Mundi“ (Himmelsachse), der in zahlreichen schamanischen und mythologischen Vorstellungen die sakrale Verbindung zwischen Himmel und Erde bezeichnet. In den meisten Fällen ist damit ein heiliger Baum (oder ein Berg) gemeint, der den Schamanen ermöglicht, sich auf unterschiedlichen Ebenen der Realität zu bewegen, um die Gemeinschaft zu heilen oder von bösen Geistern zu schützen. Die Choreografie von Isabelle Schad ermöglichte eine ähnliche Reise. Es ist die Kartografie einer geistigen Substanz, welche wie das Ökosystem und die Wälder immer rasanter bedroht wird und vor unseren Augen verschwindet.

„Harvest (3+)“ von Isabelle Schad feierte am 16.09.2021 Premiere. Weitere Aufführungen finden bis zum 22.09.2021 in der Tanzhalle Wiesenburg statt, Infos und Tickets über Theater o.N. unter www.theater-on.de.