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Harvest

16. – 23.09. 2021 Premiere und weitere Aufführungen

Wie klingt ein Weidenstock? Wie liegt er in der Hand? Wie unterscheiden sich die großen von den kleinen Stäben? Die braunen von den grünen? Die alten von den jungen? Und wie werden sie zu einer Marionette, einem Walfischbauch oder Wald, wie zu einem Monster oder einer Peitsche?
Um Achtsamkeit geht es in Harvest; und um die Frage, wie man mit Natur arbeitet, sie nutzbar macht und ihr dabei respektvoll gegenübertritt. Die Choreografin Isabelle Schad erkundet dazu mit drei Tänzer*innen und einem Musiker den Reisig und erschafft überraschende und sich immer wieder verändernde Landschaften. Zwischen der Erkundung des Materials, dem Schichten, Lagern, Biegen der Gerten, Zweige und Äste sowie dem Lauschen auf das Knistern und Knacken in der Stille entwickelt sich ein fantasiereiches Spiel mit scheinbar schwerelosen Zauberwesen und anderen kleinen Wundern, die erscheinen – und wieder verschwinden. Mit Poesie und Leichtigkeit erkundet das Ensemble das Verhältnis von Mensch und Natur – aber auch den Klangkosmos der Weiden, welche die Rhythmen für die Ernte und den Tanz erzeugen.

Info: theater-on.de

HARVEST
A dance piece by Isabelle Schad for people of all ages

How does a willow stick sound? How does it feel in the hand? What is the difference between the big and the small sticks? Between the brown and green ones? The old and the young ones? And how can they turn into a puppet, a whale’s belly or a forest, into a monster or a ship?

Choreographer Isabelle Schad, three dancers and one musician play with the possibilities within a bundle of sticks, creating surprising, ever-changing landscapes. HARVEST deals with mindfulness, and with the question of how we humans can work with nature, make use of it and approach it with respect in the process. In exploring the material, layering, stacking and bending the switches, twigs and branches, and in listening to the sounds of crackling and snapping in the silence, a fantastical game arises between seemingly weightless magical creatures and other small wonders.

Direction, choreography, set: Isabelle Schad
Dance and co-choreography: Jan Lorys, Aya Toraiwa, Manuel Lindner
Music and live sound: Damir Simunovic
Lighting and artistic assistance: Emma Juliard
Dramaturgical advice / very young audiences: Dagmar Domrös
Willow harvesting: Volker Hüdepohl
Organization: Heiko Schramm
Public relations: Nora Gores
Marketing: fellow Publishing
Premiere: September 16, 2021
Duration ca. 35 – 40 minutes
Recommended for ages 3 and up
Venue: Berlin Tanzhalle Wiesenburg
Wiesenstraße 55, 13357 Berlin-Wedding
Tour coordination: Vera Strobel strobel@theater-on.de
Photo: Dieter Hartwig
A production of Theater o. N. as part of the ’Offensive Tanz für junges Publikum Berlin’
Supported by TANZPAKT Stadt-Land-Bund and the Senate Department for Culture and Europe Berlin
In cooperation with Wiesen 55 e. V.

All photos by Dieter Hartwig, all rights reserved







Camera and editing: Walter Bickmann
all rights reserved

tanzforumberlin.de

2022 Tanzhalle Wiesenburg, Berlin

27.-29.2021


Pic. by Dieter Hartwig, all rights reserved

2022 PURPLE Festival

1st, 2nd, 4th June Harvest is to be seen these days in the context of PURPLE International Dance Festival for a Young Audience Berlin.


Pic. by Dieter Hartwig, all rights reserved
Tanzhalle Wiesenburg Info and Details: purple-tanzfestival.de

2022 HARVEST NOMINATED FOR IKARUS  + FRATZ Festival

Among 83 premieres of Berlin children’s and youth theatre the jury has nominated a total of 9 productions for the prestigious Ikarus Award 2022 So proud that Harvest is one of them! Stay tuned to see how it goes on….


Pic by Dieter Hartwig all rights reserved

In the meantime, you can see the show as part of the Fratz International festival, 18th and 19th May 2022. Information here: fratz-festival.de

1+ 2 Oct. 2021 HARVEST

in Helios Theater (Hamm) helios-theater.de | theater-on.de

16. – 23.09. 2021 PREMIERE HARVEST / Tanzhalle Wiesenburg We are pleased to invite you to the Premiere of Harvest, a dance performance for people of all ages, from 3 and upwards. The work is a production by Theater o.N. as part of the “Offensive Tanz für junges Publikum Berlin”.


Pic. by Dieter Hartwig, all rights reserved

Premiere and further performances Info and tickets: theater-on.de

2021 Harvest – research at the Wiesenburg January 2021, we have started the research around the new work for kids from 3 years on: Harvest – at Wiesenburg. Together with Jan Loris, Aya Toraiwa, Manuel Lindner and Emma Juliard, I have spent 3 intense weeks of working with the branches from our own harvest at Wiesenburg.

Camera and editing: Alex Gabbay, all rights reserved

Harvest
A dance piece by Isabelle Schad for people of all ages (from 3yrs)

May 2021 Some thoughts on the creation of Harvest – find the full article here: tanzraumberlin.de/magazin (…) Ich finde es so spannend zu bemerken, wie ich diese Arbeit, die auch ein ganz junges Publikum erreichen soll eigentlich wie immer angehe: die Aspekte von energetisch kraftvoller Bewegung, die aus dem täglichen gemeinsamen Training heraus wachsen, die visuellen und auditiven Aspekte, das Verhältnis von Selbst / Welt – bleiben im Fokus. Und zugleich arbeite ich mit dem Bewusstsein, daß das Stück auch für die ganz Kleinen funktionieren soll. Also: daß die gelenkte Aufmerksamkeit, die Kommunikation, Dauer und Rhythmus einfach stimmig sein müssen. Denn es gibt kein kritischeres Publikum diesbezüglich als Kinder, gerade wenn sie noch ganz jung sind. Es ist ja eigentlich das schönste Geschenk, das man sich machen kann, wenn man nach den sinnlichen, haptischen Erfahrungen sucht, die abseits von Verstand und Konzept wahrgenommen werden und zugleich kleine Wunder im eigenen Erfahren auslösen können. Dauer und Aufmerksamkeit werden für das junge Publikum nochmals anders und neu beleuchtet. Aber im Grunde genommen, ist ein Stück wirklich toll, wenn es für alle funktioniert, unabhängig vom Alter, Hintergrundwissen, von Erfahrung oder Herkunft. Das war eigentlich schon immer mein Anliegen: mit meiner Arbeit Grenzen jeglicher Art überwinden zu können. In unserer heutigen Zeit, in Zeiten der Pandemie, wo die Grenzen immer enger werden, empfinde ich diesen Aspekt als relevanter denn je… Isabelle Schad

Künstlerinnenstimme Isabelle Schad

Sinnliches Spielmaterial

Im Auftrag des Theater o.N. hat Isabelle Schad ihr Stück “Harvest” für Kinder ab drei Jahren entwickelt. Hier erzählt sie vom Kreationsprozess – mit den Weidenzweigen aus dem Studiogarten.

Text: Isabelle Schad, Choreografin

Als die Einladung vom Theater o.N. kam, ein Stück für das ganz junge Publikum, für Kinder ab 3 Jahren zu machen, dachte ich zuerst daran, nach einem passenden Material zu suchen, mit welchem wir spielen, uns beschäftigen und bewegen können. Ziemlich schnell kam mir die Idee, die eigene Ernte aus dem Garten der Wiesenburg – wo wir unseren Arbeitsort, die Tanzhalle aufgebaut haben – zu untersuchen. Die erste Erprobung des ‘vorhandenen’ Materials fand dann schon weit im Vorfeld statt, im Juni letzten Jahres. Denn nur, wenn das Verhältnis zwischen Material und uns selbst, unseren Bewegungen und Sinnen spannend erscheint, denke ich, dass es sich lohnt, damit ein Stück, oder auch mehrere Stücke zu machen.
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Präzision und starke Energie
Schon vom ersten Tag an war klar, dass die geernteten Weidenzweige und -gerten, die großen wie die kleinen oder mittleren, ein ganz wunderbares und überraschendes Eigenleben mit sich bringen.


Die großen Äste sind so lang, dass sie gerade eben der Breite nach in unsere Halle passen, wenn sie auf einer Hand balanciert werden und die Person den eigenen Schwerpunkt hinter die Hand bringt, sodass eine kreisförmige Bewegung entsteht. Man muss also extrem präzise sein, um nicht an den Wänden anzustoßen. Zugleich entsteht dadurch eine verblüffende, riesige ‚Maschine‘ im Raum und eine extrem starke Energie. Wie wenig es an Muskelkraft braucht, um die langen Stangen in Bewegung zu versetzen, und wie viel an Geschicklichkeit, Spürsinn und Verständnis für Gewichtsverlagerung, für innere und äußere Kräfte, um sie zum Schweben, zum Drehen, in Bewegung, in die Vertikale oder Horizontale zu bringen.
Hierfür hat das Training mit Stock und Schwert im Park, das ich seit dem zweiten Lockdown im Humboldthain initiiert habe, viel beigetragen. Die offenen Trainings sind übrigens ebenfalls in dem Spirit entstanden, mit dem umzugehen, was da ist – also auf eine Situation antworten zu müssen, in der Nähe und Training in geschlossenen Räumen unmöglich ist. Und zugleich haben wir im Training mit dem Stock auch viel Platz um jeden herum benötigt – da war der Park genau richtig. Selbst bei Wind und Wetter, auch im Schnee, haben wir uns getroffen. Ganz wichtig beim Aikido mit der Waffe ist, dass man nicht versucht, den Stock oder das Schwert zu bewegen, sondern dass man immer zuallererst sich selbst bewegt. Hier ist das Grundverständnis für den Umgang mit dem Material ungemein gewachsen – ohne gleich auf die ‚Kreation‘ hinarbeiten zu müssen.

Achtung der Natur gegenüber
Ich denke ja immer noch, dass das tägliche Training, das sich aus Elementen des Aikido und somatischen Praktiken nährt, eine wunderbare Grundlage für jegliches ‚Stück-Entwickeln‘ darstellt. Der Bezug von Selbst und Andere/Welt, sowie das Verständnis für Bewegung und Schwerkraft, für Fluss und Energie wird abseits vom choreografischen Schaffen geschult. Alles auf einmal erreichen zu wollen, geht oftmals schief oder wird ein ‘fake’. Worum geht es überhaupt? Immer wieder neue Stücke zu kreieren, das kann es sicher nicht sein, denke ich immer wieder, wenn sich – gerade in schwierigen Zeiten – die Sinnfragen in den Vordergrund drängeln.
Aber zurück zur Ernte. Mir hat die Idee gefallen, dass unsere Ernte recycelt, weiterverwendet und genutzt werden kann. Damit werden relevante Themen unserer Zeit ganz nebenbei und spielerisch ins Zentrum gerückt: Es geht um die Aufmerksamkeit, um Respekt und Achtung der Natur gegenüber, die wir erbringen müssen, um unser Ökosystem – und am Ende des Tages – unseren Planeten nicht zu zerstören.
Im Prozess ist es eben diese Aufmerksamkeit, gegenüber den Zweigen, Bündeln und feinen Ästchen, die eine wirkliche Relation entstehen läßt: Genau wie ich es früher als Kind bei der Ernte erfahren habe, wenn wir bei den Bauern, bei denen unsere Pferde standen, helfen durften.

Reisigbündel mit Eigenleben

Gemeinsam mit den Tänzer*innen haben wir daher viel Zeit damit verbracht, die Weidenernte nach Größen, Längen und Stärken der Äste zu sortieren, sie zu organisieren und sie schließlich in der Bewegung kennenzulernen. Wie biegsam sind sie und wie stark? Was können sie tragen? Wie verhalten sich die großen Zweige, wie die ganz dünnen und feinen? Wann wird das ganze so chaotisch im Raum, dass die Gerten besser zu Sträuchern gebündelt werden, um damit spielen zu können, und um dem Reisigbündel ein Eigenleben zu geben? Oder um es zu einem schamanischen Kostüm werden zu lassen, zu feuerähnlichen Gebilden, die sich von allein bewegen zu scheinen, die so knistern, als würden sie selbst gerade brennen?
In einem Moment habe ich gedacht: Die akustischen Geräusche der unterschiedlichen Zweige sind so präsent, so lebendig und spannend! Wenn man das ganze Stück nun ausschließlich nach musikalischen Aspekten, nach Rhythmen und Resonanzen formt, als würde man an einem Musikstück oder einem Musical für die Kleinsten arbeiten, dann wäre das bestimmt perfekt.
Am Ende ist es natürlich nie nur das eine oder das andere, sondern viele Schichten formen nach und nach ein komplexes Ganzes, das dann wiederum ständig in Bewegung, in Veränderung ist…
Spannend zu bemerken finde ich, dass ich diese Arbeit, die auch ein ganz junges Publikum erreichen soll, eigentlich wie immer angehe: Die Aspekte von energetisch-kraftvollen Bewegungen, die aus dem täglichen gemeinsamen Training heraus wachsen, die visuellen und auditiven Aspekte, das Verhältnis von Selbst/Welt – bleiben im Fokus. Und zugleich arbeite ich mit dem Bewusstsein, dass das Stück auch für die ganz Kleinen funktionieren soll. Also: Dass die gelenkte Aufmerksamkeit, dass Kommunikation, Dauer und Rhythmus einfach stimmig sein müssen. Denn es gibt kein kritischeres Publikum diesbezüglich als Kinder, gerade wenn sie noch ganz jung sind. Es ist ja eigentlich das schönste Geschenk, das man sich machen kann, wenn man nach den sinnlichen, haptischen Erfahrungen sucht, die abseits von Verstand und Konzept wahrgenommen werden und zugleich kleine Wunder im eigenen Erfahren auslösen können.
Dauer und Aufmerksamkeit werden für das junge Publikum anders beleuchtet. Aber im Grunde genommen ist ein Stück wirklich toll, wenn es für alle funktioniert, unabhängig vom Alter, Hintergrundwissen, von Erfahrung oder Herkunft. Das war eigentlich schon immer mein Anliegen: mit meiner Arbeit Grenzen jeglicher Art überwinden zu können. In unserer heutigen Zeit, in Zeiten der Pandemie, in denen die Grenzen immer enger werden, empfinde ich diesen Aspekt als relevanter denn je.

Offensive Tanz | Blog | Interview mit Isabelle Schad | von Christine Matschke | 14.9.2021
Christine Matschke für Offensive Tanz für junges Publikum
HARVEST

Interview mit Isabelle Schad 14.09.2021

offensive-tanz.de/

Isabelle, Du hast eine besondere Vorliebe für Materialien. Seit „Unturtled #1“ (2010) arbeitest Du mit weiten Kleidungsstücken und langen Stoffbahnen. Für „Der Bau – Gruppe“ (2014), von dem es mittlerweile auch zwei Kinderadaptionen gibt, hast Du Sitzsäcke benutzt. In „Harvest“, Deiner ersten Produktion für junges Publikum, tanzen die Performer*innen mit Weidenzweigen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe nach einem natürlichem Material gesucht, das man recyceln und mit dem man nachhaltig arbeiten kann. Also nach etwas, das in gewisser Weise lebendig bleibt. Als wir die große Weide im Garten der Wiesenburg heruntergeschnitten haben, war das faszinierend. Es entsteht von ganz allein eine schöne Proportionalität: wie viele lange große Äste es dann gibt und wie viele mittlerer Länge entstehen, die peitschenartiger und biegsamer sind, und wie viele kleine Zweige dann noch bleiben. Die Mengenverhältnisse waren von der Natur quasi “vorstrukturiert”. Wir haben dann alles nach Größen sortiert und gebündelt wie bei einer Ernte. Dieses ganze Handling des Materials, damit umzugehen, sich Zeit zu lassen, das war ein wichtiger Faktor für die Arbeit.

Welchen Einfluss hatte das Weidenmaterial dabei auf Eure Bewegungen bzw. welche Bewegungen habt Ihr gefunden, um mit diesem für Euch noch neuen Material tanzen zu können?

Vielfach ging es darum, wie man diese Bündel transportieren, wie man sie greifen kann. Welche Geräusche sie erzeugen und wie biegsam sie sind. Die Eigenschaften der Zweige verändern sich im Lauf der Zeit. Sie werden trockener und brüchiger oder auch wieder biegsamer, wenn man sie in den Regen stellt. Ich arbeite lange im Voraus mit Recherchen, ohne Druck, damit ich solche Prozesse verfolgen kann.
Die Weidenzweige sind zum Teil recht lang. Mit welchen Ausmaßen habt Ihr es da zu tun und wie bewältigt Ihr diese beim Tanzen?
Die längsten Weidenzweige passen gerade in die Breite der Tanzhalle Wiesenburg, sind also sechs Meter lang. In der gemeinsamen Bewegung mit den Zweigen geht es viel um Gewichtsverlagerung und darum, zu spüren, wo der eigene Schwerpunkt im Körper ist, um dann beim Greifen den Schwerpunkt unter oder hinter die Hand zu bringen. Wenn man sie sich gut platziert, stimmt die Balance. Wir haben in der Zeit regelmäßig Aikido-Stocktraining gemacht. Und das hat viel zum Verständnis im Umgang mit den Weiden beigetragen.

In einem kürzlich von Dir verfassten Essay erwähnst Du, dass Du beim Arbeiten nichts von ständigem Produzieren und Neukreieren hältst. Dafür spricht auch, dass Du in Deinen Stücken gerne Bewegungssequenzen wiederholst wie etwa in „Turning Solo“ und „Double Porträt“ (2017). Hast Du im Laufe der Jahre für Dich so eine Art Arbeitsphilosophie gefunden und wie würdest Du diese beschreiben?

Ich habe auf jeden Fall etwas, das methodisch angelegt ist und sich durch die Jahre durchzieht. Dazu gehört die Kontinuität im Trainingsansatz und in der Bewegungslehre, die bei mir durch somatische Praxen beeinflusst ist und durch mein tägliches Aikido-Training. Die andere Achse ist die Frage danach, wie etwas sichtbar gemacht wird: wie verliert es sich nicht einfach im Raum oder in tänzerischen Abläufen, sondern wie wird etwas ganz präzise im Raum skulptural – auf eine natürliche Art und Weise, durch Beobachtung von Bewegungsprozessen. Dabei geht es weniger um ein konkretes, willentliches Schauen als um ein ganzheitliches und intuitives, das man in ein eigenes Erkennen einordnen kann und das einem ermöglicht, immer wieder auch Neues zu entdecken.

Auf typische direkte Interaktion zwischen Performer*innen und Zuschauenden wie man es aus dem Kindertheater kennt, verzichtest Du in Deiner Arbeit für junges Publikum. Was beschäftigt Dich, wenn Du für Kinder choreografierst?

Wir sprechen die Kinder nicht direkt an, das ist richtig. Andererseits war es schon Thema für uns, mit Blicken zu arbeiten und zu schauen, wie es ist, sich über die Kinder zu spiegeln. Wahrscheinlich geht es bei einem kindlichen Publikum darum, nicht selektiv auf es zuzugehen, sondern bei sich zu bleiben und den Raum und die Kinder als Ganzes wahrzunehmen.
Es ist ganz viel Arbeit an der eigenen Erwartungshaltung. Für kleine Kinder ist alles gleich wichtig. Wenn sie während der Vorstellung abhauen und spielen und dann zurückkehren, heißt das nicht, dass das was auf der Bühne geschieht, langweilig ist. Damit muss man erst einmal umgehen. Denn von erwachsenen Zuschauer*innen sind wir das nicht gewohnt.

Gehst Du anders an ein Stück heran, wenn Du für Kinder choreografierst?

Ganz wichtig war mir, nicht explizit etwas für Kinder zu machen. Was nicht ganz einfach ist, denn es ist ja eine Auftragsarbeit für Kinder ab drei Jahren. Es war also eine permanente Auseinandersetzung. Ich habe immer wieder beobachtet, wo ich mich zu sehr auf die Kinder ausrichte. Man macht dann gerne etwas Didaktisches oder geht zu verkopft an das Ganze heran, eben zu gewollt. Ich versuche, die Kinder auf dem Schirm zu haben, aber mich da nicht zu sehr einzuengen.

In Deinen Gruppenstücken bleiben alle Tänzer*innen Individuen. Auch wenn sie dieselben Bewegungen vollführen, schimmert immer etwas persönliches hindurch – ohne dass ihre Gesichter besonders präsent wären oder dass Du hier Charaktere hervorkehren würdest. Man erlebt sie in ihrer Gesamtheit, als ganze Körper und aus einer gewissen natürlichen Zurückhaltung heraus.

Das ist genau der Punkt. Ich möchte, dass jeder über die Arbeit an der Bewegung so weit wie möglich, er bzw. sie selbst sein, und auch bei sich sein kann. Ich reagiere relativ allergisch darauf, Dinge zu bespielen oder etwas “draufzusetzen”. Wenn sich jemand freut, kommt ein Lächeln oder Lachen zum Vorschein, aus einer inneren Regung oder einer lustigen Situation heraus. Authentizität als etwas, das in der Bewegung verankert ist, spielt für mich eine wichtige Rolle. Mir ist es wichtig, nichts für das Außen zu machen und für die Form. Deswegen versuche ich die Abläufe auch immer recht schnell am Anfang im Prozess zu finden, um damit lange genug und vielschichtig arbeiten zu können. Denn je mehr diese aus dem Kopf sind, weil sie oftmals durchlaufen und automatisiert wurden, desto mehr hat jeder Einzelne die Möglichkeit, im Tun und im Sein zu sein und die Form zu verlassen.

Berliner Morgenpost | Berlin Bühnen | Interview mit I. Schad | September 2021
Hanna Falkenstein im Interview mit Isabelle Schad

Frau Schad, Sie haben bereits „Der Bau“ für junge Menschen inszeniert. Wie unterscheidet sich die Arbeit für ein erwachsenes Publikum und Zuschauende ab drei Jahren?

Ich finde es rückblickend spannend zu bemerken, wie ich diese Arbeit, die auch ein ganz junges Publikum erreichen soll eigentlich wie immer angegangen bin:
Dauer und Aufmerksamkeit werden für das junge Publikum nochmals anders und neu beleuchtet. Aber im Grunde genommen, ist ein Stück wirklich toll, wenn es für alle funktioniert, unabhängig vom Alter, Hintergrundswissen, von Erfahrung oder Herkunft. Das war eigentlich schon immer mein Anliegen: mit meiner Arbeit Grenzen jeglicher Art überwinden zu können. In unserer heutigen Zeit, in Zeiten der Pandemie, wo die Grenzen immer enger werden, empfinde ich diesen Aspekt als relevanter denn je…

Was möchte „Harvest“ vermitteln?

Es geht um Aufmerksamkeit der Natur gegenüber: genau wie ich es früher als Kind erfahren habe, wenn wir bei den Bauern, bei denen unsere Pferde standen, bei der Ernte helfen durften. Der Reisig, den wir hier verwerden, kommt aus dem eigenen Garten der Tanzhalle Wiesenburg, von unserer Weide dort. Mir hat die Idee gefallen, daß unsere Ernte recycelt, weiterverwendet und genutzt werden kann.
Gemeinsam mit den Tänzer*innen haben wir daher viel Zeit damit verbracht, die Äste nach Größen, Längen und Stärken zu sortieren, sie in der Bewegung kennenzulernen. Wie biegsam sind sie und wie stark? Wie verhalten sich die großen Zweige, wie die ganz dünnen und feinen? Wie können wir damit spielen, sie z.B. zu einem schamanischen Kostüm werden lassen, zu feuerähnlichen Gebilden, die so knistern, als würden sie brennen?

Gibt es etwas, das die Zuschauenden – an Erfahrung, Haltung oder Erwartungen – mitbringen müssen?

Mir ist es immer am liebsten, wenn es keinerlei Erwartungshaltung gibt. Man geht ins Theater, um gespannt zu sein, was passiert: im Augenblick. Was Performance, Tanz und Theater schaffen kann, ist den Menschen komplett ins Jetzt zu holen. Im Idealfall sind alle Sorgen, Ängste und ‚was muß ich noch tun?‘ komplett weg und man taucht in die Magie der Bühne und der wunderbaren Darsteller*innen mit ein. ‚Vergiß alles‘, könnte die schönste Einladung sein, um dem Geschehen zu folgen. Deswegen ist es auch super spannend für das ganze junge Publikum zu arbeiten, denn da kommt niemand auf die Idee, vorher ein Programmheft zu lesen, sie sind einfach da ! Und ganz da zu sein, ist natürlich ein tolles Gefühl.

Choreografische Himmelsachsen

17. September 2021, von Andrej Mirčev
TanzRaumBerlin | Tanzschreiber | Kritik | von Andrej Mircev | 17.9.2021

Im Rahmen der Offensive Tanz für junges Publikum Berlin und als Produktion des Theaters o.N. wurde am 16. September 2021 in der Tanzhalle Wiesenburg das neue Tanzstück „Harvest“ von Isabelle Schad uraufgeführt. In einer fantasiereichen Inszenierung spielen die Choreografin, drei Tänzer*innen und ein Musiker mit wechselnden Landschaften, die sich aus der Interaktion mit Stöcken und Zweigen entfalten.
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Als „ein Tanzstück von Isabelle Schad für Menschen jeden Alters“, wie der Untertitel von „Harvest“ lautet, lädt die Inszenierung in einen ästhetisch-sinnlichen Raum ein, in dem man sich wieder erinnern kann, wie man als Kind über die Welt staunte. Drei Tänzer*innen (Aya Toraiwa, Jan Lorys, Manuel Lindner) teilen die Bühne mit Zweigen und Ästen unterschiedlicher Größe und Länge, die gleichzeitig als Körperverlängerung, Szenografie und Marionetten figurieren. Ihre Bewegungen und Interaktion mit diesen Materialien ist achtsam und konzentriert, wodurch man den Eindruck bekommt, die Pflanzen wären der*die vierte Tänzer*in und hätten ein autonomes, wenn auch fragiles Dasein. Immer wieder ereignen sich performative Konstellationen, in denen die Stöcke die Körper erweitern oder zu einem Versteck werden, hinter dem sich die Tänzer*innen kurzfristig verbergen können. Dass die Stöcke, Äste und Zweige bewusst unterschiedliche Funktionen haben und diverse Bedeutungen hervorbringen, wird im Programmheft deutlich artikuliert: „Wie klingt ein Weidenstock? Wie liegt er in der Hand? Wie unterscheiden sich die großen von den kleinen Stäben? Die braunen von den grünen? Die alten von den jungen? Und wie werden sie zu einer Marionette, einem Walfischbauch oder einem Wald, wie zu einem Monster oder zu einem Schiff?“ Aufgrund dieses Spiels mit unterschiedlichen narrativen Möglichkeiten und Interpretationen erscheint das Stück geeignet für Kinder ab 3 Jahren. Jede*r ist eingeladen, den eigenen Bedeutungskosmos zu formulieren.

Das choreografische Vokabular wird durch wiederholte systematische Kreisbewegungen generiert, die einerseits die Äste und Zweige aktivieren und anderseits die Körper in Schwung versetzten und quer über die Bühne leiten. Im Hinblick auf den Titel „Harvest“, den man mit dem Begriff der Ernte übersetzten kann, lässt sich die zyklische Bewegungsstruktur mit dem periodischen Zeitrhythmus der Natur in Verbindung bringen. Außerdem bringt das Drehen der Tänzer*in um die eigene Achse Assoziationen zum kosmologischen Tanz der Derwische hervor. In Situationen, in denen die langen Stöcke wie Stifte animiert werden, entsteht der Eindruck, die Bewegungen wären ein genuiner Schreibakt: ein Schreiben der Bewegung und eine Bewegung der Schrift. Neben jenen Stöcken, die etwas dicker und länger sind, gibt es noch zwei weitere Sorten, die Mittelgroßen und die Kleinen. Diese sind gebündelt und suggerieren ebenfalls eine Bedeutungsvielfalt: Besen, Wälder, Peitschen, Büsche, Zelte. Und mehr noch, die kleinen Zweige werden zum Schluss auf der gesamten Bühne verstreut, womit sie auf Spuren verweisen, die die Choreografie hinterlassen hat. Dabei ist der rote Faden die überraschende skulpturhaft-visuelle Qualität der Objekte, die durch das Lichtdesign (Emma Juliard) verstärkt wird und in ihrer Sinnlichkeit dargestellt wird. Ein wichtiges Element in der Strukturierung der Aufführung ist das Sounddesign und die live manipulierte Geräuschkulisse (Damir Šimunović), welche zum Aufbau der Atmosphäre beitragen und die akustische Resonanz des Tanzes bestimmen.

Als raffiniertes ästhetisches Ereignis entfaltet „Harvest“ ein Dickicht möglicher Geschichten und szenischer Bilder, die gleichzeitig affektiv und spekulativ aufgeladen sind bzw. zum Fühlen sowie zum Nachdenken anregen. Zunächst konzentrierte ich mich auf den respektvollen Umgang der Tänzer*in mit dem Material, was ich als eine ökologische Geste wahrgenommen habe. Durch sie kommt die derzeit schwer belastete Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck. Die Größenanordnung bzw. der Unterschied zwischen einzelnen Stöcken und kleineren Ästen lenkte meine Aufmerksamkeit weiter auf die Frage nach der ebenfalls degenerierten Wechselwirkung und dem verlorenen Gleichgewicht zwischen Individuen und Kollektivität. Diese zwei Perspektiven führten mich letztlich zu jener Assoziation, die sich durch den Vorgang des vertikalen Aufstellens großer Äste offenbarte. Der Religionswissenschaftler Mirce Eliade formulierte in seinem Buch Das Heilige und das Profane den Begriff des „Axis Mundi“ (Himmelsachse), der in zahlreichen schamanischen und mythologischen Vorstellungen die sakrale Verbindung zwischen Himmel und Erde bezeichnet. In den meisten Fällen ist damit ein heiliger Baum (oder ein Berg) gemeint, der den Schamanen ermöglicht, sich auf unterschiedlichen Ebenen der Realität zu bewegen, um die Gemeinschaft zu heilen oder von bösen Geistern zu schützen. Die Choreografie von Isabelle Schad ermöglichte eine ähnliche Reise. Es ist die Kartografie einer geistigen Substanz, welche wie das Ökosystem und die Wälder immer rasanter bedroht wird und vor unseren Augen verschwindet.

„Harvest (3+)“ von Isabelle Schad feierte am 16.09.2021 Premiere.