Materialitätentänze

.

Materialitätentänze is a duet specially developed for the program marking the 100th anniversary of the Bauhaus’s move to Dessau in September 2025. Isabelle Schad and Manuel Lindner respond to Schlemmer’s rigid geometric forms with a dynamic arrangement of bodies and movable costume elements. Their focus lies on the transformation of materialities through movement, and on the poetic and sensory potentials that can emerge from these transformative processes.

Materialitätentänze ist ein Duett, das eigens für das Programm zum 100. Jubiläum des Umzugs des Bauhauses nach Dessau im September 2025 entwickelt wurde. Isabelle Schad und Manuel Lindner setzen Schlemmers festen geometrischen Formen eine dynamische Anordnung von Körpern und beweglichen Kostümelementen entgegen. Ihr Interesse gilt den durch Bewegung ausgelösten Transformationen von Materialitäten sowie dem poetischen und sinnlichen Potenzial, das aus diesen transformativen Prozessen hervorgehen kann.

Konzept, Choreografie und Performance: Isabelle Schad, Manuel Lindner
Kostümdesign: Michael Sontag
Lichtdesign: Bruno Pocheron
Sounddesign: Damir Simunovic
Kamera: Sebastian Köhler
Schnitt: Rike Nöltig
Tonschnitt: Manuel Lindner

Unterstützung durch / supported by Wiesen55 e.V., Stiftung Bauhaus Dessau, Land Sachsen-Anhalt und Ostdeutsche Sparkassenstiftung

Concept, Choreography, and Performance: Isabelle Schad, Manuel Lindner
Costume Design: Michael Sontag
Lighting Design: Bruno Pocheron
Sound Design: Damir Simunovic
Supported by: Wiesen55 e.V.
Camera: Sebastian Köhler
Edit: Rike Nöltig
Sound Edit: Manuel Lindner

.








Materialitätentänze (English below)

Ein Gespräch zwischen Isabelle Schad und Dr. Barbara Steiner (Direktorin Stiftung Bauhaus Dessau)

Barbara Steiner: Was sind die zentralen Überlegungen für eure Arbeit gewesen?

Isabelle Schad: Die Recherche ging einerseits um die Überlegung, wie wir Körperlichkeit verstärkt sichtbar machen können, welches Material, welche Farbigkeit etc. uns dafür als ‘Verstärker’ dienen könnte, um unsere inneren Prozesse, sowie unsere richtungsweisenden Kräfte nach außen hin verstärkt sichtbar zu machen. Es war also eine Suche nach einem Material, das zugleich beweglich und modellierbar ist, sich quasi unsere Bewegungen anpasst, das wie eine Art Kostüm, oder Prothese fungieren kann, das aber gleichzeitig auch einen Raum generiert, sodass die tanzende Figur/en zugleich zur Architektur, zur Bühne werden. Hierfür haben wir auf unsere Kleidung farblich abgestimmte große bewegliche Kissen genäht, die wir tragen und ziehen, mit denen wir tanzen, sie uns einander übergeben, oder sie zwischen uns pressen.

BS: Euer Konzept verschiebt Subjekt-Objektbeziehungen, die sich verflüssigen.  

IS: Zwischen Objekt und Subjekt entwickelten wir in unserem Tanz nach und nach ein Beziehungsgeflecht, das sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht, vielmehr auf die Wahrnehmung und damit auf den Widerhall, das Spiegeln der Zusehenden abzielt, die aufgefordert sind, ihre eigenen Bilder zu finden, ihre eigene sinnliche Erfahrung mit dem Gezeigten abzugleichen.

Wir haben dazu viele mehr oder weniger abstrakte Rückmeldungen bekommen, aber auch ganz konkrete Geschichten, die gesehen wurden. Oft haben Menschen Geschichten über Beziehungen gesehen, oder über die ‘Last der Welt’, die getragen werden muss…

BS: Ich erinnere mich an sehr emotionale Reaktionen. Manche waren tief berührt, um nicht zu sagen emotional erschüttert. Ich denke, dies hat mit der starken Bühnenpräsenz der Körper, den wiederholenden und dabei sich permanent modifizierenden Bewegungsabläufen im Raum sowie den materialen Prothesen zu tun, abstrakt und sehr konkret zugleich.

Wie schaut ihr auf die historischen Materialtänze von Oskar Schlemmer? Welche Relevanz haben sie für euch?

IS: Die Materialtänze von Oskar Schlemmer haben Räume gestaltet und eröffnet. Sie waren präzise, zugleich auch irgendwie dem Material untergeordnet, teils auch recht starr aber in ihrem Erfindungsreichtum auch revolutionär – sie erinnerten uns teils an Maschinen oder Puppen, die aus sehr festen, fast schon starren Material gemacht sind.

Sie haben etwas Faszinierendes – und wir waren beeindruckt, wie viele Parallelitäten aus der Bauhaus-Zeit zu heutigen zeitgenössischen Themen oder Arbeitsweisen auftauchen, z.B. die Idee der Versuchsanordnung, Ideen rund um Prozesshaftigkeit – ums Experimentieren, um Recherche, Workshops als Präsentation, der Fokus auf die Wahrnehmung des Gesamten (Raumes, Bildes, des Menschen, der Sinne etc).

BS: Sind eure Material(itäten)tänze ebenfalls als Versuchsanordnung zu verstehen?

IS: Unsere Material(itäten)tänze sind ebenfalls als Versuchsanordnung zu verstehen, die unterschiedliche Motive des DA-SEINS (wo man ist) untersuchen; die ein hybrides Spannungsfeld untersuchen, in dem Motor und Beweglichkeit, Puppenspieler und Puppe, Lebendigkeit und Absterben, Losgelöstes und das Gesamte ineinander verschmelzen und zu einer eigenen Materialität oder Stofflichkeit zu einer eigenen sinnlich-poetischen Da-Seins Form werden, die auf Verbundenheit mit der Welt abzielt und für uns somit – als performative Praxis -– durchaus auch im politischen Sinne zu verstehen ist: Je näher wir uns selbst sind, je verbundener sind wir im Miteinander.

Die ‘abstrakte’ Form dieser Versuchsanordnungen auf der Bauhaus-Bühne zu gestalten, war eine echte Herausforderung, da sie den frontalen Blick herausfordert und wir mit unserer Arbeit das Sichtbare hinterfragen.

 

English:

Dances of Materiality

A conversation between Isabelle Schad and Dr Barbara Steiner (Director of the Bauhaus Dessau Foundation)

Barbara Steiner: What were the central considerations behind your work?

Isabelle Schad: On the one hand, the research centred on the question of how we could make physicality more visible, which materials, colours, etc. could serve as ‘amplifiers’ to make our inner processes and the forces guiding us more visibly apparent to the outside world. So it was a search for a material that is both flexible and malleable, that adapts to our movements, so to speak, that can function like a kind of costume or prosthesis, but which at the same time also generates a space, so that the dancing figure(s) simultaneously become architecture, become the stage. To achieve this, we sewed large, movable cushions onto our clothing, colour-coordinated with it, which we wear and pull, with which we dance, pass to one another, or press between us.

BS: Your concept shifts subject-object relationships, which become fluid.

 

IS: In our dance, we gradually developed a network of relationships between object and subject that eludes clear-cut categorisation; rather, it aims at perception and thus at the resonance and reflection of the audience, who are invited to find their own images and to compare their own sensory experience with what is being shown.

We received a great deal of feedback on this, ranging from the more or less abstract to very concrete stories that people had seen. Often, people saw stories about relationships, or about the ‘burden of the world’ that must be borne…

BS: I remember very emotional reactions. Some were deeply moved, not to say emotionally shaken. I think this has to do with the strong stage presence of the bodies, the repetitive yet constantly evolving movement sequences in the space, and the material prostheses – abstract and very concrete at the same time.

How do you view Oskar Schlemmer’s historical material dances? What relevance do they have for you?

IS: Oskar Schlemmer’s material dances shaped and opened up spaces. They were precise, yet at the same time somehow subordinate to the material; in part quite rigid, but also revolutionary in their inventiveness – they reminded us in part of machines or puppets made of very firm, almost rigid material.

There is something fascinating about them – and we were impressed by how many parallels emerge from the Bauhaus era to today’s contemporary themes or working methods, e.g. the idea of the experimental setup, ideas surrounding processuality – experimentation, research, workshops as presentations, the focus on the perception of the whole (space, image, the human being, the senses, etc.).

BS: Are your ‘Material(ities) Dances’ also to be understood as experimental setups?

IS: Our ‘Material(ities) Dances’ are also to be understood as experimental setups that explore different motifs of BEING-THERE (where one is); that explore a hybrid field of tension in which motor and mobility, puppeteer and puppet, liveliness and dying,

the detached and the whole merge into one another and become a distinct materiality or substance, a distinct sensually-poetic form of being-there that aims at connectedness with the world and is thus – as a performative practice – certainly also to be understood in a political sense for us: the closer we are to ourselves, the more connected we are in our togetherness.

Shaping the ‘abstract’ form of these experimental arrangements on the Bauhaus stage was a real challenge, as it challenges the frontal view and our work questions the visible.

Wir haben ein Material untersucht/ausgewählt, das aus einer großen, blickdichten Stoffhülle, die innen mit kleinen Styroporkügelchen gefüllt ist besteht: ein künstliches Gegenstück zu unseren lebendigen Körpern, die aus Trillionen von Zellen und einer letzten, umschließenden Hautschicht beschaffen sind. Diese beweglichen Objekte machen die Bewegungen des Körpers, die Schwerpunktverlagerung und Richtung gebenden Kräfte verstärkt sichtbar und reagieren erstaunlich lebendig. Sie werden zugleich zum Partner, zur Prothese wie auch zum Kostüm, das sich wandelt, sich transformiert und sich einer eindeutigen Zuschreibung entzieht. Innerhalb unserer Versuchsanordnung entfaltet sich nach und nach ein hybrides Spannungsfeld, in dem Motor und Beweglichkeit, Puppenspieler und Puppe, Losgelöstes und das Ganze ineinandergreifen und zu einer eigenen sinnlich-poetischen Materialität / Da-Seins Form werden.

We have examined/selected a material consisting of a large, opaque fabric shell filled on the inside with small polystyrene beads: an artificial counterpart to our living bodies, which are made up of trillions of cells and a final, enveloping layer of skin. These movable objects make the body’s movements, shifts in centre of gravity and directional forces more visibly apparent, and react with astonishing vitality. They become at once a partner, a prosthesis and a costume that changes, transforms and eludes clear categorisation. Within our experimental setup, a hybrid field of tension gradually unfolds, in which motor and mobility, puppeteer and puppet, the detached and the whole interlock and take shape as a distinct, sensually poetic materiality / presence

Isabelle Schad